Wohin des Weges?

Zwischen Deutschland und China STADTMACHEN - geht das?

Von Katja Hellkötter und Dr. Eduard Kögel

Einführungsgedanken zum Programm STADTMACHER China-Deutschland.

Dialog und Kooperation zwischen Deutschland und China zu nachhaltiger Stadtentwicklung und Urbanisierung gibt es in vielen Facetten. Mit dem neuen Programm "STADTMACHER China-Deutschland“ wollen wir uns dennoch in dieses große Terrain begeben, weil wir glauben, dass in einem kontinuierlichen Austausch auf beiden Seiten neue Aspekte sichtbar werden.

Smart City, Eco City, Low Carbon City, Future City … sind Etiketten, die etwas zum Fortschritt der Stadt sagen wollen. Wir ergänzen den Austausch zwischen Deutschland und China um das Konzept der "lebenswerten Stadt“ (liveable city) und fragen: Was macht lebenswerten Raum in den jeweiligen Städten aus? Wir sind überzeugt, dass komplementär zu technologischem Fortschritt auch soziale Innovationen sowie gemeinsame Lern- und Identifikationsprozesse angestoßen werden müssen. Hierbei geht es nicht um den Wettstreit von Konzepten und Überzeugungen, sondern um das Nachdenken über neue Realitäten. Angesichts der drohenden Immobilienkrise in China, mit Millionen leer stehenden Apartments, und akuter Wohnungsnot in deutschen Städten, rückt die Frage gegenseitigen Lernens ins Zentrum.

Der Name "STADTMACHER China-Deutschland“ ist Programm: Unser Augenmerk gilt den handelnden Menschen und Akteuren. Was sind gute Ideen für das "Stadt-machen“? Wo sind Handlungsspielräume – jenseits derer von Berufsgruppen der Architekten, Immobilienentwickler und Planer – die den Stadtraum prägen?

Können deutsche und chinesische Städte bei unterschiedlichen Rahmenbedingungen im Feld der sozio-kulturellen Innovationen überhaupt voneinander lernen? Wie sieht der "Stadtmacher“ in China aus? – "Stadt-Innovator“ – so lautet unsere chinesische Variante des deutschen "Stadtmachers“, und ja es gibt die "Stadtmacher“ (auch im Sinne von "Besser Macher“). Sie stehen nicht im Zentrum, aber es sind wachsende Nischengruppen, die informelle Räume (er)finden und außergewöhnliche Projekte realisieren. Wie zum Beispiel der Umweltexperte Pan Tao, der nach dem Studium in Deutschland seine Vision eines "Schrebergartens“ am Stadtrand von Shanghai entwickelte, eine Mischung aus ökologischer Farm und DIY-Kleingarten, vor allem aber eine wachsende, derzeit 350 Mitglieder-starke community urbaner Mittelschichts-Chinesen, die sich auf der Suche nach mehr Bedeutung in ihrem Leben (有意义的生活) eigenhändig Raum in der Mega City schaffen. Ein anderes Beispiel ist eine NGO in Picun, nordöstlich von Beijing, die in ihrem Einsatz für die Rechte der Wanderarbeiter auch in einem privaten Museum deren Geschichte bewahrt.

Die diesjährige Architektur Biennale in Rotterdam berichtet von diesem Typus Stadtmacher, und findet ihn in Europa ebenso wie in China. Der Gastkurator Yang Lei zeigt das Projekt “Digua Community” des Designers Zhou Zishu, Vertreter einer neuen Generation in China, von der er sagt: "Sie sind nicht gegen den Mainstream, aber sie wollen etwas ändern[1]."

Wir wollen in diesem STADTMACHER-Programm auf die Suche gehen: Wo sind die anderen nennenswerten Projekte in China? Und was passiert in Deutschland an der Front der Integration von Flüchtlingen? Die diesjährige Biennale in Venedig steht unter dem Titel "Reporting from the Front“ und thematisiert soziale und städtebauliche Innovationen. Der deutsche Betrag fokussiert auf die Flüchtlingsfrage und die Folgen für Städtebau und Architektur.

Jedoch lassen sich Ideen, die in Berlin funktionieren, nicht 1:1 nach China transferieren. Das ist uns klar. Das Beispiel von Pan Tao, der den Schrebergarten in Cottbus kennenlernte, zeigt jedoch, wie sich sozial-ökologische Innovation im chinesischen Kontext verorten lässt. Es lohnt sich, im Pool der Ideen für lebenswerte Städte auch grenzüberschreitend zu "wildern“. China hat mit seinem bereits seit 30 Jahren anhaltenden Hyperurbanismus einen gewaltigen Erfahrungsschatz aufgebaut. Was ist daran interessant für Deutschland?

Ein weiterer roter Faden sind die Deutsch-Chinesischen Städtepartnerschaften, von denen es heute 105 gibt (Stand April 2016, Quelle: Deutscher Städtetag). Welche Möglichkeiten bieten sie zum Austausch und wie lassen sich bestehende Projekte gewinnbringend vernetzten?

Im akademischen und studentischen Bereich gibt es zum Beispiel das "Learning Cities: Urban Studios“-Projekt für Studenten der Architektur und Stadtplanung an Universitäten der Partnerstädte Changzhou und Essen sowie Düsseldorf und Chongqing, das vom Wuppertal Institut geleitet und der Stiftung Mercator gefördert wird. Oder die Kooperation zwischen Bauhaus Universität Weimar, Tongji Universität Shanghai und Technische Universität Berlin. Schöne Beispiele, wie junge Stadtmacher Möglichkeitsräume für zukunftsorientierte Stadtentwicklung eruieren. Mit den STADTMACHERN China-Deutschland verstehen wir uns als "Scouts“, die in diese Art von Projekten "hineinzoomen“ und ihnen eine Plattform geben.

Die interdisziplinäre Gruppe von Stadtmachern, vom Bürgermeister bis zum engagierten Bürger, vom Künstler bis zum Techniker, scheint eine unscharfe Zielgruppe. Aber hier liegt die Chance neue Verknüpfungen herzustellen, die interdisziplinär und transkulturell neue Lösungen ermöglichen. In der Unschärfe des Themas liegt das Potential für Neues.

 

[1] http://www.sueddeutsche.de/kultur/architektur-die-stadtmacher-1.2967956

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