Wohin des Weges?

Ohne Kulturelle Rahmenbedingungen und Beachtung der Tradition keine gute Zukunftsplanung

Horizont-Interview mit Architekt Roland Winkler

1. Roland, Dein Hinweis für Stadtmacher aus dem Bereich von Architektur und Stadtplanung zwischen Deutschland und China ist es es immer wieder, die "kulturellen Einflussfaktoren“ zu verstehen und wichtig zu nehmen. Was sind diese Faktoren?

Erstens: Symmetrie und Balance: Für Chinesen ist Symmetrie extrem wichtig, ob in der Dichtung oder im Städtebau, überall wurde und wird versucht symmetrische Strukturen zu schaffen, die Ausdruck des Strebens nach Ausgeglichenheit und Harmonie sind. Das bekannteste Beispiel ist wohl das inzwischen auch im Westen weithin bekannte Konzept von Yin und Yang, die sich symmetrisch gegenüberstehen und gleichzeitig ergänzen. Ähnlich im Städtebau und in der Architektur, überall findet man symmetrische Strukturen, die traditionell nur im Gartenbau durchbrochen wurden.
Zweitens: Hierarchie und Kontrolle: China ist ein sehr hierarchieorientiertes Land, was sich auch in Städten und in der Architektur in vierlei Hinsicht widerspiegelt, auf Stadtebene an der ausgeprägten Parzellierung in sozial differenzierte Quartiere, die von Mauern umschlossen waren, ebenso wie an den Wohnanlagen innerhalb der Quartiere. An Standort, Größe und baulichen Details wie Farbe und Ausprägung der Dachziegel liess sich genau der Status der Bewohner ablesen. Heutzutage werden diese Gated Communities meist mit dem Bedürfnis der Einwohner nach Sicherheit begründet, aber historisch dürften sie vor allem auf ein Kontrollbedürfnis des Staates zurückgehen.
Drittens: Kosmologie und Religion: Kosmologisch-religiöse Vorstellungen übten in China einen starken Einfluss auf Städtebau und Architektur aus. So fanden sich z.B. die wichtigsten Orte in der Regel im Norden und blicken nach Süden, egal ob auf Gebäude-, Quartiers- oder – zumindest traditionell – auf Stadtebene. Im Alten China wurde die Erde als rechteckig und der Himmel als rund betrachtet, daher beruhen fast alle Städte bis heute auf einem nord-süd ausgerichteten Schachbrettmuster. 

2. Lass uns etwas weiter ausholen: Stadtgeschichte in  China: Was sind ihre zentralen kulturgeschichtlichen Merkmale? 

Chinesische Städte waren zuallererst administrative Zentren der zugehörigen Verwaltungseinheit Kreis, Provinz bzw. Reich. Die chinesische Stadt war also in erster Linie Sitz des von der Zentralregierung eingesetzen Verwalters des dieser Stadt zugewiesenen Verwaltungsgebietes. In China hat sich nie das Konzept von freien Städten mit Stadtbürgern oder sogar Bürgerrechten entwickelt. Neben der Administration lag die weitere Hauptfunktion chinesischer Städte im Handel. Die Architektur chinesischer Städte wies über Jahrtausende eine erstaunliche Kontinuität auf, gebaut wurde fast ausschliesslich aus Holz, die meisten Gebäude waren ein- bis zweistöckig, Mauern waren allgegenwärtig.

3. Kannst Du auch vergleichend die zentralen Merkmale für deutsche Stadtgeschichte nennen? 

Die deutsche bzw. europäische Stadt geht auf die Stadt der Antike zurück, also die griechischen Stadtstaaten, die durch Selbstverwaltung und teilweise demokratische Strukturen gekennzeichnet waren. Marktplatz und Tempelanlagen bildeten die zentralen Orte dieser Städte, die von den Römern weiterentwickelt wurden, die auch die ersten Städte in Deutschland gründeten. Mit dem Zerfall des Römischen Reiches entstanden ab ca. 900 n. Chr. die mittelalterlichen Bürgerstädte, welche durch hohe Dichte und unregelmässigen Strassenverlauf gekennzeichnet waren, mit zentralem Marktplatz, Kirche und Rathaus, wo sich die Häuser der wohlhabenden Bürger befanden. Die mittelalterlichen Städte wurden von einer kleinen vermögenden Schicht, den Bürgern, selbst verwaltet. Erst mit der Französischen Revolution wurden diese „Bürgerrechte“ auf alle Einwohner des Staates übertragen.

4. Haben diese traditionellen Strukturmerkmale des chinesischen Städtebaus heute noch Relevanz? Wie zeigt sich das? 

Ganz eindeutig, chinesische Städte sind nach wie vor Nord-Süd orientiert und schachbrettartig aufgebaut, Wohnquartiere sind in der Regel eingezäunt und öffentliche Plätze sind rar und stehen meistens in Verbindung mit Handel und Kommerz oder haben repräsentative Funktion. 

5. Und wie sieht es in der Architektur aus? 

Auch hier gibt es viele Parallelen, wie im Städtebau herrscht eine quasi dogmatische Nord-Süd-Ausrichtung vor, die zu den monoton aufgereihten Wohntürmen in den abgeriegelten Compounds führt. Weiterhin die Statusdifferenzierung eines Wohnkomplexes über die Form der Dächer, die oft lächerlich wirkende Aufbauten zur Folge hat. Und selbst die als krasser Unterschied zum Alten China erscheinende Vertikalität moderner chinesischer Städte ist eher als Parallele zu sehen. Der Hauptwerkstoff Holz wurde zwar durch Stahlbeton ersetzt, welcher es erlaubt fast beliebig in die Höhe zu bauen. Aber die Art und Weise wie gebaut wird verrät die Jahrtausende alte Holzbaupraxis, die dadurch geprägt ist, dass man nicht für die Ewigkeit baut, also in der Regel schneller, ungenauer und mit der Grundeinstellung, dass man ein Gebäude jederzeit wieder abreißen oder modifizieren kann.

6. Kannst Du erfolgreiche Beispielprojekte nennen, bei denen das alles gut beruecksichtigt wurde? 

Es gibt viele erfolgreiche Projekte von deutschen Architekten in China, wovon allerdings die wenigsten etwas mit chinesischer Tradition zu tun haben, weil dies vom chinesischen Bauherren meist gar nicht gewünscht wird, der im Gegenteil oft explizit internationale Architektur will. Ein gutes Beispiel, wo sich die Architekten offensichtlich erfolgreich mit China beschäftigt haben ist die Renovierung des Nationalmuseums in Peking von gmp. Allerdings spielen ausländische Architekten ohnehin nur eine nebensächliche Rolle für die Entwicklung der Städte in China. Das Entscheidende ist vielmehr, dass sich die chinesischen Stakeholder selbst - ob Behörden, Bauherren oder Planer - ihrer kulturellen Prägungen nicht bewusst sind und daher oft Entscheidungen fällen, die zwar aus der chinesischen Tradition verständlich sind, aber fatale Folgen im Sinne einer nachhaltigen, lebenswerten Stadt haben können. Ein Beispiel ist die übliche Erschliessung von Städten durch riesige ummauerte Superblocks, die u.a. enorme Verkehrsprobleme nach sich ziehen. Das scheint die Regierung zwar vor kurzem erkannt zu haben und versucht nun gegenzusteuern, nur ist es leider für die meisten Städte zu spät, es ist auch sehr fraglich ob die nachträgliche Auflockerung dieser monolithischen Strukturen überhaupt durchsetzbar ist. In diesem Bereich böte sich jedenfalls ein weites Feld für Dialog und Austausch zwischen China und Deutschland.

[1] Hassenpflug, Dieter: Der urbane Code Chinas, Reihe Bauwelt Fundamente, Band 142, Birkhäuser Basel 2009
[2] Ledderose, Lothar: Chinesische Architektur: Blöcke und Balken, Hallen und Höfe: http://universal_lexikon.deacademic.com/221133 
[3] Wang, R.X, Jia, F.: Comparing Chinese and Western Architectural Concepts, in: J. Yeh: Advanced Civil, Urban and Environmental Engineering (WIT Transactions on the Built Environment 16), 2014: S. 361-367.
[4] https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_construction#Chinese_construction
[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_architecture

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Roland Winkler promovierte 1997 im Fach Sinologie an der Ludwig Maximilian Universität München. Nach seiner Promotion gründete Winkler zusammen mit anderen Sinologen eine Unternehmensberatung für den Wirtschaftsverkehr mit China. Eines der ersten Projekte war eine Marktanalyse der Energieeffizienz des chinesischen Bauwesens. Diese führte zur Gründung des von Winklers für 10 Jahre geleiteten Vereins "Sinobau e.V." für nachhaltiges Bauen. 2005 zog Roland Winkler nach Shanghai, um dort die ökologische Baumesse "ecobuild Shanghai" für die Stadt Hamburg zu organisieren. Ein Jahr später gründete er "MUDI", ein Architekturbüro, das sich auf grüne Gebäude und nachhaltige Stadtentwicklung konzentrierte. Winkler war ebenfalls als Projektmanager für "econet", "dena" und das Goethe-Institut sowie die GIZ tätig.

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