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Leipzig-Nanjing: Städtepartnerschaft "weiter" denken

Interview mit Dr. Gabriele Goldfuß, Leiterin des Referats Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig, Dezember 2016

"Die Städtepartnerschaft zwischen Leipzig mit Nanjing wurde 1988 gegründet. Es war eine der ersten sehr formalen Städtepartnerschaften der DDR neben Ost-Berlin mit Peking und Rostock mit Dalian. Heute verstehen wir die Partnerschaft zwischen den beiden Städten als einen Anker für die Zusammenarbeit mit China über die Stadtgrenzen hinaus." - Dr. Gabriele Goldfuß"

-- Dr. Gabriele Goldfuß


1. Sie leiten seit Dezember 2001 den Bereich Internationales der Stadt Leipzig und begleiten in dieser Funktion die China-Kooperation und Städtepartnerschaft mit Nanjing. Was sind die Erfolgsfaktoren für gute Projekte zwischen China und Deutschland und was sind die Herausforderungen?

Aus meiner langjährigen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Projekte vor allem dann gut funktionieren, wenn die Menschen, die an diesem Projekt arbeiten, eine ähnliche Wellenlänge haben. Die Kooperation muss nachhaltig angelegt sein und ein „win-win“ für beide Seiten ergeben, in der die Akteure in beiden Ländern oder Städten einander etwas mitgeben können und sichtbare Ergebnisse erzielt werden. Eine große Herausforderung in der Kooperation mit China liegt aber gerade in der Nachhaltigkeit. Es muss gelingen diese zu sichern, einen stetigen Austausch herzustellen, am besten in einem Netzwerk mit mehreren Akteuren. Ohne ständige gegenseitige Aufmerksamkeit besteht die Gefahr, dass die konkreten Projekte vernachlässigt werden. Diese Arbeitsweise kostet verhältnismäßig viel Zeit und Geduld, und die Ergebnisse brauchen Zeit. In schwierigen Haushaltslagen der Kommunen und im Rahmen der Erfüllung freiwilliger Aufgaben kann es daher dazu kommen, dass sich die Schwerpunkte der kommunalen internationalen Zusammenarbeit stärker hin zu Kooperationen mit mehr Ergebniskraft neigen. Reisekosten sind hier ein Thema und die längere Abwesenheit von Fachkräften in der eigenen Verwaltung, die bei der Erledigung des Kerngeschäfts fehlen. Der Ausbau von Plattformen des Austausches und der Begegnung, die die Kommunen dabei unterstützen, mit ihren Fachleuten langfristig und zugleich zielgerichtet zusammenzukommen, wäre deshalb mein Wunsch für eine nächste Phase der Zusammenarbeit.

Neben den vielen Einzelprojekten, die im Laufe der Jahre in der Partnerschaft mit Nanjing durchgeführt wurden, war es mir außerdem sehr wichtig, vor Ort, hier in unserer eigenen Kommune eine nachhaltige, sichtbare und eine für Leipzig nutzbringende Struktur mit zahlreichen, tatkräftigen Akteuren zu befördern, aus- und aufzubauen.

In den letzten Jahren haben wir es geschafft, ein wirklich dynamisches Konfuzius-Institut in Leipzig zu etablieren, das mit der Übernahme der Herausgeberschaft des deutschsprachigen „Konfuzius-Institut Magazins“ noch einmal einen großen Schub bekommen hat. Das Institut strahlt sehr viel positive Energie aus. Es ist zum sichtbaren Ort für chinesische Kultur, Gesellschaft und Sprache geworden. Die Städtepartnerschaft spielt hier zwar nur eine untergeordnete Rolle, aber Städtepartnerschaften sind zunächst auch einmal vor allem ein Anker in einer strategischen Partnerregion und sollen und müssen flexibel an die jeweiligen Bedarfe angepasst werden. Für Leipzig sehe ich das Konfuzius-Institut als das Dach über den vielfältigen Chinaaktivitäten in der Stadt und für die Stadt.

2. Was denken Sie wäre ein nächster Schritt für die Partnerschaft zwischen Leipzig und Nanjing?

Ich würde sehr gerne bei den internationalen Aktivitäten in der Stadt Leipzig die Kooperation mit China in den kommenden Jahren bis 2030 wieder deutlicher nach vorne bringen. Im Rahmen der „Ziele für nachhaltige Entwicklung“, der so genannten SDGs/Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, spielen Kommunen mit einem eigenen Ziel (Ziel 11: Nachhaltige Städte und Siedlungen – Städte und Siedlungen inklusive, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten) eine herausragende Rolle. Urbanisierung, Partizipation, demographischer Wandel oder Infrastrukturentwicklung sind für Städte weltweit einige der Themen, die an den Nerv gehen, und man sehr viel im globalen Kontext voneinander lernen kann und muss, um nachhaltige Entwicklung an allen Orten der globalisierten Welt zu sichern. Wenn also PlanerInnen aus den vielfältigen Bereichen der Stadtentwicklung die Gelegenheit bekämen, zu den für sie brennenden Themen geeignete chinesische Partner zu treffen, könnten diese sich gemeinsam zu diesen Fragen austauschen, innovative Ansätze diskutieren und in die jeweiligen Arbeitsbereiche einbringen. Dies wäre die von mir eingangs erwähnte „gleiche Wellenlänge“, die zum Erfolg führt.

3. Könnte LEIPZIG 2030 für China als Instrument der Urbanistik interessant sein?

Das Zielbild „Leipzig 2030“ ist ein Prozess, der sehr viele partizipative Strukturen besitzt und durchaus im Rahmen der globalen SDGs zu verstehen ist. Leipzig hat eigene Strukturen entwickelt, die Initiative „Leipzig weiterdenken“ und das sogenannte „Zukunftsstadt Büro“, welches eine Art Steuerungsfunktion in der Stadtentwicklung aufnimmt. Es werden Bürgerdialoge im Rahmen von gemeinsamen Workshops und runden Tischen geführt, um sich zu den verschiedensten Themen Gedanken zu machen und eine Meinung abzuliefern. Diesen Ansatz mit chinesischen Akteuren zu diskutieren fände ich sehr reizvoll für das nächste STADTMACHER-Treffen 2017. 

4. Was sind Ihre Erwartungen an das STADTMACHER China - Deutschland Programm?

Ein großes Potential sehe ich in dem „Zusammenbringen“ von unterschiedlichen Menschen in einem kreativen Rahmen, um gemeinsam in Projekte zu schauen und Aspekte für eine Zusammenarbeit herauszufiltern und sie „weiter“ zu denken. Wenn ich mir ein Projekt vorstellen würde, dann wäre es folgendes: mit einem Netzwerk aus Kreativen, Wissenschaftlern, Sinologen, Stadtplanern und -entwicklern, die an der Schnittstelle China-Deutschland interagieren, eine gemeinsame Aktion in China umsetzen zu können. Das würde idealerweise dazu führen, neue Türen in China zu öffnen und frischen Wind in die Städtepartnerschaften zu bekommen. Das STADTMACHER-Programm böte hierfür gegebenenfalls einen relativ unbürokratischeren Ansatz, professionelle Unterstützung bei der Umsetzung, große Expertise bei der Identifikation von Menschen und Themen und wäre eine exzellente Möglichkeit der Vernetzung und Begleitung von relevanten Akteuren aus China und Deutschland. 

Das Gespräch führten Katja Hellkötter und Silvan Hagenbrock
Interview-Protokoll: Silvan Hagenbrock

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Dr. Gabriele Goldfuß ist Leiterin des Referats Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig. Frau Dr. Goldfuß koordiniert unter anderem das europäische und internationale Engagements der Stadt Leipzig sowie die Entwicklung und Pflege der Städtepartnerschaften. Sie studierte in Tübingen, an der Beijing University und am Institut National des Langues et Civilisations Orientales (INALCO) in Paris und lehrte sieben Jahre am Ostasiatischen Institut der Universität Leipzig. Frau Dr. Goldfuß erhielt 2013 die Auszeichnung "Individual Performance Excellence Award". Der Preis würdigt ihr Engagement ihrer besonderen Verdienste für die Konfuzius-Institute.

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