Was passiert konkret?

Cai Yuan (菜园) vor der Haustür, Verstehen und Entwerfen von Urban Farming Aktivitäten in Nantong

von Wenye Gong, Feb. 2017

Aufgrund der beschleunigten Urbanisierung lebten im Jahr 2014 rund 54.4 Prozent der Gesamtbevölkerung Chinas in Städten(1). Die Ressourcenknappheit in der Stadt aufgrund der ständig steigenden Bevölkerungszahlen zeigt sich in der Wohnungsnot, einer Ernährungskrise und im Druck auf die Umwelt und auf das Verkehrssystem. Die verdichtete Stadt dehnt sich auf das Land aus. Die Flächen auf dem Land, auf denen früher noch Felder und private Landhäuser existierten, wurden heute durch Wolkenkratzer aus Beton ersetzt. Nachdem die Bauern ihr eigenes Land verloren hatten, waren sie gezwungen, in die Stadt zu migrieren. Das führte zu einer Belastung der städtischen Bevölkerung und hat soziale Konflikte und eine Kluft zwischen Stadt und Land zur Folge. Aufgrund dieser Stadtentwicklung und durch den Verlust von Arbeitskräften und Ackerflächen ist die traditionelle private bäuerliche Landwirtschaft gefährdet. Die Industrialisierung und die Intensivierung der Landwirtschaft wird jedoch gefördert. Die durch die Industrialisierung vermehrten Produktionsmengen und die reiche Auswahl der Lebensmittel auf dem Markt, können jedoch die „urbane Hungersnot“ nicht verhindern. Durch die Umweltverschmutzung und durch einige skrupellose Hersteller konsumieren die Chinesen und Chinesinnen jeden Tag ungesunde Lebensmittel. Den Preis, den sie dafür bezahlen müssen ist, dass besonders kleine Kinder und alte Menschen ihr Leben riskieren. Themen, wie die Ernährungssicherheit, beunruhigt die Stadtbewohnerschaft, denn die Sicherheit der städtischen Ernährung ist in China nicht gewährleistet. Märkte, auf denen die sogenannten biologischen Lebensmittelprodukte an Popularität gewinnen, haben jedoch mittlere und obere Mittelschichten als Zielkonsumgruppen. In den unteren Bevölkerungsschichten liegen dadurch die Phänomene des urbanen Gärtnerns im Fokus. Sie wollen tätig werden und in der Stadt ackern und sich autark ernähren.

Die Initiative urbanes Gärtnern erfolgt durch eigenmächtige Besetzung von Flächen und vielfältigen Anbaumethoden. Zur Folge hat es eine Gegenstimme der Stadt und den Nachbarn. Laut städtischer Gesetzgebung sind solche urbanen Landwirtschaftsprojekt-Aktivitäten illegal. Aber die Guerrilla-Farming Aktivitäten sind bis heute vorzufinden.

Wenn das Motiv dieser Farming-Aktivitäten nachgeforscht wird, so erkennt man ein Streben nach einer gesunden Ernährungsquelle von unteren Sozialschichten. Als Fachleute der Planung können wir ein Öko-Farm System in der Stadt einführen, um den urbanen Landwirten im Bereich des Flächenmanagements, des technischen Know-Hows und im Umgang mit sozialen Konflikten zu helfen. Sodass sie die Gelegenheit haben, in dem Stadtraum vor ihre Haustür Gemüse anbauen zu können.
Nun wird ein chinesisches Wohnquartier aus den 70er Jahren als Beispiel analysiert, um zu verdeutlichen, wie eine urbane Öko-Farm in einem typischen chinesischen Wohnquartier errichtet werden könnte. Das alte Wohnquartier befindet sich im Zentrum der Stadt Nantong, einer 3rd-tier City, die nördlich von Shanghai mit ca. zwei Millionen Einwohner und Einwohnerinnen liegt.
Eine Multifunktionalität ist für eine urbane Öko-Farm unentbehrlich. Sie können nicht nur ökologisch und produktiv betrieben werden, sondern haben auch gleichzeitig einen positiven Einfluss auf die soziale Struktur. In ihrer Form als kollektiver Gemeinschaftsgarten fungiert die Farm als Initiator eines nachhaltigen Ernährungssystems. Durch die Einführung des Urban-Farming-Systems werden Veränderungen der Produktions-, Vertriebs-, Verwertungs-, Wahrnehmungs- und Verhaltensprozesse in der Stadt gefördert(2). 

Die geschlossenen Nahrungskreisläufe

In dieser Öko-Farm läuft der Arbeitsprozess in einem abgeschlossenen autarken Kreislauf ab, in dem sich Konsum und Produktion einander ergänzen. Das zu konsumierende Endprodukt ist das Nahrungsmittel, das im Feld geerntet wurde. Beim Konsum werden Nebenprodukte (Pflanzenreste, Grauwasser) erzeugt, die wiederum in Anlagen (Kompostheizung, Trockentoilette, Phytosanierung) in Energie und Ressourcen umgewandelt werden, welche zirkulatorisch beim Gemüseanbau wiederverwendet werden können(3).  Die produktive Farm im Wohnquartier ermöglicht die Selbstversorgung der Bewohnerschaft. Die überzählige Ernte wird in einen zusätzlichen wirtschaftlichen Kreislauf vermarktet, sodass die urbanen Landwirte auch eine finanzielle Unterstützung erhalten.

Soziale Vernetzung

Die Umwandlung zum Urban-Farming-Viertel wird die Isolierung der Wohnquartier aufbrechen. Zudem werden weitere soziale Vernetzungen eine Energie der anderen sozialen Bevölkerungsschichten in das alte Wohnquartier bringen. Die ökologische und effiziente Farm im Wohnquartier bildet eine Hybridstruktur, wobei sich auch unterschiedliche Unternehmen von innerhalb und außerhalb beteiligen und profitieren können.

Die produktiven Freiräume

In dem komplexen Urban-Farming-System ist die räumliche Anordnung die grundsätzliche Voraussetzung, um die einzelnen Komponenten zu betreiben. Die vorhandenen Freiflächen in Wohnquartier könnten zu potentiellen Anbauflächen umgewandelt und der Bewohnerschaft zur Verfügung gestellt werden. Die Transformation der Flächennutzungen findet unter entsprechenden Raumbedingungen und Raumanforderungen unterschiedlich statt. Das Öko-Farm-System hat die Identität der alten Wohnquartiere weiterentwickelt, sodass Räume für landwirtschaftliche Produktion, Vermarktung, Bildung, sowie ökologisches Recycling und produktive Landschaftsnutzung für die Bewohnerschaft geschaffen werden. Die „geschlossenen Nahrungskreisläufe“ und die„soziale Vernetzung“ verflechten sich in den„produktiven Freiräumen“, sodass die „all in one“ urbane Öko-Farm der Bewohnerschaft die Multifunktionalität anbietet.

Die Rasche Urbanisierung hat viele urbane Konflikte zur Folge. Sie beschleunigt allerdings die urbanen Landwirtschafts Aktivitäten. Das Öko-Farm Konzept versucht, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, von dem die Stadt und die urbanen Landwirte profitieren können. Den urbanen Landwirten werden Anbauflächen angeboten, damit sie in der Stadt eine entsprechende Stelle einnehmen können. Für die chinesische Stadt ist die Einführung der urbanen Landwirtschaft eine Chance, neue positive Formen des urbanen Ernährungssystems, der Sozialstruktur und der Stadtlandschaft auszuprobieren.

  1. 国家新型城镇化规划 http://www.gov.cn/ zhengce/2014-03/16/content_2640075.htm
  2. Bohn, K. and Ritzmann, K. (2015) Spiel/Feld Urbane Landwirtschaft : ökologische Bildung und praxisorientiertes Entwerfen. Universitätsverlag der TU Berlin. S.20
  3. Atelier d’architecture autogérée (aaa) (2014) ‘R-URban: Resilient agencies, short circuits, and civic practices in metropolitan suburbs’, Harvard Design Magazine, Nr. 37 S. 1–5. Zugriff am 05.02.2016 über http://www.gsd.harvard.edu/images/content/6/1/v3/615807/HDM37-AAA. pdf 
© Bingxian Xie
Wenye Gong hat ihre akademische Ausbildung, Master of Science Landschaftsarchitektur an der TU Berlin abgeschlossen. Urbane Landwirtschaft war ihr Studienschwerpunkt. Sie arbeitet derzeit in einem Landschaftsarchitekturbüro. Parallel beschäftigt sie sich mit der urbanen Landwirtschaft in chinesischen Städten. Seit 2013 ist sie eine der Mitbegründerinnen der Deutsch-Chinesischen Plattform für Kulturaustausch: „L.A.Stammtisch“ in Berlin. Fast 42 Veranstaltungen über Kunst und Kultur der beiden Länder wurden durchgeführt.

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