Wohin des Weges?

Die Third Wave of Coffee: Urban-ästhetische Gemeinschaften in Hongkong

von Michael Schwind

Mit Blick auf die Pariser Haute Couture warnte uns Jaques Rancière vor drei Jahrzehnten vor voreiligen Schlüssen über das Kunsthandwerk. Die Auffassung, es handele sich allein um bourgeoisen Luxus, so der Philosoph, verschließe uns den Blick auf den subjektiven Sinn, den Arbeiter nach ihren eigenen Wertmaßstäben diesen Handwerkspraktiken zuschrieben. Mit dem gegenwärtigen Aufkommen neuartiger handwerklicher Produktionsorte ist Rancières Hinweis wieder aktuell. Unter den Schlagworten artisanal oder craft formieren sich neue städtische Gemeinschaften zur Reformierung und Neudeutung bestimmter Herstellungsweisen und Artefakte. Die sogenannte Third Wave of Coffee ist ein Beispiel für dieses Craft-Phänomen. Von Beyoğlu in Istanbul, Neukölln in Berlin, Indische Buurt in Amsterdam oder Mount Pleasant in Vancouver: In den letzten Jahren nahm die Zahl lokaler Röstereien und Spezialitätenkaffeehäuser besonders in innerstädtischen Stadtvierteln stark zu und wurde zum Sinnbild städtischer Transformationen.

Auch in Hongkong – manchmal als die kapitalistische Stadt der Welt bezeichnet – entstehen Gegenmodelle zu den schnellbrühenden internationalen Kaffeehäusern. In den Stadtteilen Wan Chai, Soho oder Sheung Wan, nur einige Gehminuten vom Zentrum entfernt, proklamieren Third-Wave-Kaffeehäuser eine Kaffeezubereitung abseits rationalisierter Produktionsmethoden. Ihre Kaffeephilosophie grenzt sich dabei entschieden von der Massenproduktion des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie der Popularisierung jener korporativen (Starbucks)-Kaffeekultur ab, die sich seit den 1970er Jahren überall ausbreitet. Stattdessen preist die Dritte Welle einen höherwertigen Kaffee mit einem milderen und fruchtigeren Geschmack. Von der Bohne bis zum Kaffee, so das Credo, sind die Arbeitsprozesse von Handarbeit, Hingabe und Qualitätsanspruch geprägt, und zwar stets mit dem Ziel, „das Beste aus der Bohne zu holen“. Neben einer gut trainierten Zunge haben Baristas Spezialwissen über klassische und innovative Brühverfahren, Anbauweisen, Röstungsgrade sowie technische und chemische Raffinessen im Zubereitungsprozess.    

Die Third Wave gilt vielen als globale Kaffeebewegung, und mit ihren langen, unbehandelten Holztischen und rohen Steinwänden sehen sich die kleinen Kaffeehäuser auf den ersten Blick ja tatsächlich überall ähnlich. Auch ihre Klientel ist sich ähnlich, es ist die neue, weltläufig-urbane Mittelschicht, die in allen internationalen Städten anzutreffen ist. Auch der Beruf des Baristas selbst scheint sich durch die Bildung internationaler Kaffeevereinigungen, Barista-Weltmeisterschaften und Zertifizierungsprogramme international zu professionalisieren.

Die Frage, aus welchen Beweggründen sich Menschen der Third Wave anschließen, ist aufschlussreich und erlaubt es, rein statistische Aussagen über die neuen städtischen Craft-Ökonomien um eine dezidiert subjektive Perspektive zu erweitern. Hongkong, das immer von gewaltigen Umbrüchen geprägt war, ist dafür ein geeigneter Ausgangsort.  

In Hongkong sind Baristas und Eigentümer häufig Quereinsteiger, die zuvor in anderen Bereichen, etwa dem Dienstleistungssektor, der städtischen Verwaltung oder der Privatwirtschaft gearbeitet haben. Auslöser für ihre berufliche Veränderung waren in vielen Fällen Monotonie und Langweile im alten, als unbefriedigend erlebten Berufen. Vom Flughafenpersonal in der Gepäckabteilung bis zum Rechtsanwalt in einer größeren Firma: Viele Baristas klagen über lange Arbeitszeiten und das Gefühl, im Leben festzustecken, bevor sie dann das Kaffeehaus für sich entdeckten. Die klassische Karriere in Hongkong, in der Regel ein Bürojob mit höherem und steigendem Einkommen sowie lebenslanger Anstellung, erschien ihnen nicht mehr verlockend genug. So ist der Spezialitätenkaffee für manche eine willkommene Möglichkeit, vorbestimmte Wege zu verlassen, selbst wenn dies in der eigenen Familie zu Konflikten führen kann. Angesichts der Verantwortung und Sorgepflicht der älteren Geschwister für die Familie, sind nämlich größere berufliche Entscheidungen in Hongkong keine reine individuelle, es sind familiären Angelegenheiten.  

Die erste Tasse Spezialitätenkaffee, so beschreiben es einige Baristas in Hongkong, stellte einen „Wendepunkt“ in ihrem Leben dar und führte zu einer Neubewertung beruflicher Wünsche. Die Idee, die Arbeitszeit mit einem schönen Produkt wie Kaffee zu verbringen, gab für manche den Anstoß, die sozialen Anforderungen an Disziplin und gesellschaftlichen Aufstieg zu hinterfragen, zumindest, was die Arbeit betrifft. Starre Hierarchien, bürokratische Ordnungsvorstellungen und Karrierestreben gibt es in der Hongkonger Kaffeeszene nicht; das ausgesprochen strenge Arbeitsethos innerhalb der Gesellschaft wird hier mit deutlicher Skepsis betrachtet. Auch wenn Baristas wenige Urlaubstage, geringe Verdienstmöglichkeiten und kurze Wochenende akzeptieren müssen - die Arbeit, wenn sie denn überhaupt als solche betrachtet wird, empfinden sie in der Regel als erfüllend. Der Kontakt mit ihren Kunden, ständiges Lernen und Ausprobieren sowie natürlich der Kaffee selbst sind dafür mit ausschlaggebend.

Die Third Wave verspricht also nicht nur guten Kaffee, sondern verkörpert zugleich die neuen postdisziplinären Ansprüche an die Arbeitswelt. Genauer gesagt: In Hongkong ähnelt Spezialitätenkaffee einer ästhetisch bestimmten Praktik, in der eine affektive Form von Gemeinschaft, zudem Kreativität und Expressivität möglich erscheinen. Die meisten Baristas haben ein ausgesprochen künstlerisches Selbstverständnis, denn es ist die Kreation eines materiellen Artefakts, worin sie die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit sehen. Geschmackliche Innovationen, der internationale Austausch und das gemeinsame Erleben mit Gleichgesinnten stehen im Vordergrund. Selbstbewusst werden biographische Stabilität und Routine gegen Diskontinuität und Brüche - vom Lebenslauf bis zum Experimentieren mit dem Kaffee selbst - eingetauscht. Dabei wird das unter Baristas vorherrschende Narrativ von „kunsthandwerklichem Schaffen“ und „kollektivem Austausch“ positiv einer angeblich bloß zweckorientierten, von ökonomischen Kalkülen dominierten Gesellschaft entgegengesetzt. Der Ausdruck der gesellschaftlichen Ästhetisierung meint genau diese Zunahme an selbstzweckhaften, erlebnis- und affektorientierten Praktiken.  

Nach Ansicht vieler Baristas verändern die heftigen Auseinandersetzungen um Demokratie und soziale Teilhabe das Selbstverständnis der jungen städtischen Generation. Kleine Geschäfte wie Kaffeehäuser werden nicht nur als Chance auf Selbstausdruck und Selbstexperiment verstanden, sondern auch als Wunsch nach Unabhängigkeit, nach etwas Eigenem. Dabei gewinnt das Kaffeehaus als Ort an sich an Bedeutung, er ist gleichsam ein geschützter Raum. So erklärt es jedenfalls eine junge Frau in Wan Chain. Sie betrachtet ihre kleinen Geschäfte als Möglichkeit zur Kreativität abseits des Mainstreams in einer immer mondäner werdenden Stadt. So schwingt in der Third Wave auch Aufbruchsstimmung mit, ein hoffnungsvoller Spirit in einer für junge Menschen nicht immer einfachen Stadt.

In Hongkong zeigt sich, dass Baristas ihre Arbeit innerhalb bestehender gesellschaftlicher Normen, traditioneller familiärer Erwartungen und politischer Entwicklungen oft mühsam aushandeln müssen - selbstverständlich ist hier gar nichts. Man sollte sich die Third Wave dennoch als eine stadtspezifisch „ästhetische Gruppe“ vorstellen, in der die Leidenschaft für den Kaffee Momente von Gemeinschaft erlaubt. Mit solchen Erfahrungen konturiert die Third Wave in Hongkong ein Bild autonomer Selbstbestimmung; sie verbindet die Möglichkeit des Experiments mit Personalisierung und Formen des Selbstausdrucks.

Andererseits sollte man die Craft-Praktik auch nicht idealisieren. Die Anforderungen an das Selbstmanagement des Einzelnen sind beträchtlich, die Arbeitsbedingungen zum Teil prekär. Auch die soziale Zugänglichkeit zu der ästhetisch orientierten Praktik wie die Third Wave darf kritisch betrachtet werden. Denn welche Teile der Gesellschaft haben überhaupt Zugang zu diesen Praktiken respektive ihren Orten?

Literatur

  • Campbell, C. (2005). The Craft Consumer Culture, craft and consumption in a postmodern society. Journal of consumer culture, 5(1), 23-42.
  • Rancière, J. (1983). The Myth of the Artisan Critical Reflections on a Category of Social History. International Labor and Working-Class History, 24, 1-16.
  • Reckwitz, A., Prinz, S., & Schäfer, H. (Eds.). (2015). Ästhetik und Gesellschaft: Grundlagentexte aus Soziologie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp.
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Michael Schwind studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar Urbanistik und erlernte dabei das Handwerk der Stadtplanung. Seinen Schwerpunkt in sozialwissenschaftlicher Stadtforschung vertiefte er während seines Masterstudiums in Urban Studies an der Universität Amsterdam. Während seiner Auslandsaufenthalte in den USA und Hongkong lernte er unterschiedliche Stadtverständnisse kennen. Zurzeit ist Michael Schwind Hospitant in der Wissenschaft der Robert Bosch Stiftung.

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