Wohin des Weges?

Die Stadt Xi'an und ihre Identität(en)

SONG Qun, Architekt & Kurator

"Local Life" Raum für Kunst und Kultur: Sammlung von Gegenständen des lokalen Gedächtnisses
"Die Zukunft Chinas kann man in Shanghai sehen, die Gegenwart in Peking und seine Geschichte in Xi'an" lautet eine Redensart in China. 

In meiner Kindheit befand sich mein Zuhause außerhalb der Mauern der Universität, von wo aus ein großer, brachliegender Hügel zu sehen war. Er war still, verlassen und mit Unkraut überwuchert. Lausbuben versammelten sich dort um zu rauchen, und Studentenpaare fanden hier eine Zuflucht, um miteinander zu flirten. Erst später erfuhr ich, dass die Kaiser der Tang-Dynastie vor tausend Jahren an dieser Stelle den Himmel angebetet hatten. Es ist wohlbekannt, dass es auch in Peking einen Himmelstempel gibt, der im Jahr 1420 erbaut wurde, und äußerst prächtig ausgestattet ist. Heute ist er eines der wichtigsten Symbole der chinesischen Hauptstadt. Im Vergleich zum Pekinger Himmelstempel wirkt jener in Xi'an wie ein im Sterben liegender alter Mann, verloren und einsam. In einer Stadt wie Xi'an, deren Geschichte 3000 Jahre zurückreicht, begegnet man oft unerwartet Monumenten wie dem Himmelstempel, deren Geschichten davon bedroht sind, von Staub bedeckt in Vergessenheit zu geraten.

Das goldene Zeitalter der Stadt begann im Jahre 618 nach Christus, als Xi'an – damals unter dem Namen "Chang'an" – Hauptstadt der Tang-Dynas- tie wurde. Die Stadt wuchs auf ca. 84 km2 und war damit siebenmal größer als Rom zur selben Zeit. Chang'an war die erste Metropole in der Weltgeschichte mit mehr als einer Million Einwohnern. 

Straße in Xi’an in den 1980er Jahren
Ihr Stadtplan glich einem Schachbrett. Außerhalb des kaiserlichen Palastes und des kaiserlichen Verwaltungsbezirks im Zentrum war sie in 108 Wohnviertel aufgeteilt, die durch hohe Mauern voneinander getrennt waren. Dazwischen verliefen Straßen und kleine Gassen. Im Osten und Westen der Stadt gab es jeweils einen Markt als Handelszone. Dieser war streng vom Wohngebiet getrennt und wurde von Soldaten bewacht. Abends war der Zutritt untersagt. Die klar strukturierte Raumaufteilung ist selbst aus heutiger Sicht erstaunlich. Während aber Rom seine Stellung und seinen Wohlstand bis heute wahren konnte, lösten sich die Pracht und der Ruhm Xi'ans in der späteren historischen Entwicklung auf. Die heutige urbane Raumaufteilung Xi'ans ist auf die Stadtplanung der 50er Jahre zurückzuführen, an der sowjetische Experten beteiligt waren: Textil- und Leichtindustrie im Osten der Stadt, Elektronik- und Rüstungsindustrie im Westen, Logistik im Norden und Bildung und Kultur im Süden. Dazu im Zentrum die von der Ming-zeitlichen Stadtmauer umgebene Altstadt. Auf eine Blütezeit der Textilindustrie folgte ihr Niedergang, viele Fabriken gingen bankrott und standen leer. Erst die EXPO 2010 brachte neue Impulse und so wurde der Ostteil der Stadt zu einem neuen attraktiven Wohnviertel, mit begrünten und verschönerten Flussufern. Der Westen der Stadt ist mit der Etablierung des staatlichen High-Tech- Parks zum wirtschaftlich dynamischsten Bezirk mit den meisten innovativen Unternehmen geworden. 

Im Süden mit seinen vielen historischen Stätten befindet sich weiterhin das kulturelle und touristische Zentrum Xi'ans, der Qujiang-Bezirk, in dem einige Gebäude im architektonischen Stil der Tang-Dynastie errichtet wurden. Von besonderer Bedeutung ist, dass hier die meisten Hochschulen ihren Sitz haben. Was die Anzahl der Hochschulen angeht, liegt Xi'an landesweit auf Platz fünf. Diese Talentschmieden bringen jedes Jahr zahlreiche Absolventen hervor, die eigentlich eine treibende Kraft für die städtische Zukunft bilden sollten. Leider zieht es dann aber doch viele von ihnen nach dem Abschluss nach Peking, Shanghai, Kanton, Shenzhen oder in andere Küstenstädte. Obwohl die Stadt Xi'an in den vergangenen Jahren enorme Veränderungen erfahren hat, steht sie mit all ihrer Attraktivität und Vitalität immer noch im Schatten der Küstengebiete. 

Die Städte in China befinden sich in einer Phase der Transformation. Das Schema lautet Abriss und Neubau. Auch Xi'an bildet da keine Ausnahme. Zwar wurden mehrere touristische Viertel im Baustil der Tang-Dynastie errichtet, die großzügig angelegt, aber inhaltsleer sind. Es ist nachvollziehbar, dass man versucht, die goldene Zeit der Song- bzw. Tang-Dynastie in Xi'an heraufzubeschwören, aber Xi'an ausschließlich als eine ehemalige Kaiserstadt anzusehen, ist eindeutig ein falsches Konzept.Imperialer Glanz ist nicht das, was die Stadt heute im Kern ausmacht, das entspricht weder dem Charakter noch der Atmosphäre der Stadt. Es gibt heute überhaupt keine originalen Gebäude aus der Tang- Dynastie mehr und die unzähligen Kaisergräber in der Umgebung haben mit dem Leben in der Stadt nichts zu tun. Meiner Meinung nach besitzt Xi'an allerdings gewisse Charakteristika und Werte, die bisher vernachlässigt wurden – zum Beispiel die vielfältige Straßenkultur. Denn die Stadt liegt im Landesinneren und grenzt gleichzeitig an die Randgebiete Chinas, was einen vitalen, boden- ständigen und äußerst säkularen Lebensstil geprägt hat. Diese besondere Lebensweise war in der Altstadt lange Zeit erhalten geblieben, ähnlich wie die 1370 erbaute Stadtmauer. Die Stadtmauer von Xi'an ist ein Glücksfall, da sie nicht wie die in Peking in den 50er Jahren abgerissen wurde. Sie ist die am besten erhaltene Stadtmauer in China. Doch Szenen des traditionellen, entspannten Alltagslebens sieht man heute kaum noch. Die einst verzweigten und verwobenen Gassen sowie die früher herrschende zwischenmenschliche Wärme in den Nachbarschaften sind durch gigantische Abriss- und Bauprojekte verdrängt worden. Die negativen Veränderungen sind bedauerlicherweise irreversibel: Das Gedächtnis der Stadt ist durchtrennt und die traditionelle Lebensweise der früheren ist im Verschwinden begriffen. Die Folge ist eine urbane Malaise, eine Zunahme der zwischenmenschlichen Gleichgültigkeit. 

Xi'an stellt einen Mikrokosmos der chinesischen Stadtentwicklung dar, hier herrscht ein Hochgeschwindigkeits- Urbanismus, der die kühnsten Vorstellungen und die größten Sorgen um verschwindenden Stadtlandschaften und verschwindende Stadtgeschichte noch übertrifft. Oft verändern sich die Dinge so rasant, dass kaum Zeit für das Erinnern bleibt. Vor 10 Jahren habe ich mit meinem Team von Bendi-Local die unabhängige Zeitschrift "Local" gegründet, um die Stadtentwicklung und die Veränderungen der Stadt aufzuzeichnen und zu archivieren. Derzeit konzentrieren wir uns auf die Auseinandersetzung mit der Straßenkultur und den Nachbarschaften in Xi'an und haben ein Buch über die "Hui Fang", also Wohnquartiere der Hui-Nationalität in der Altstadt in Xi'an, herausgegeben. In diesem Fall wurde ein historisches Viertel als Forschungsgegenstand genommen und eine Studie dazu durchgeführt, in der die alte Architektur, die Raumaufteilung und Verkehrsstruktur, Lebensgewohnheiten, Sprache, kulinarische Besonderheiten bis hin zu typischen Verkehrsmitteln genau untersucht wurden. 

Die Forschungsergebnisse geben in relativ hohem Maße die Lebensweise in diesem ausgesuchten Wohnquartier wider. 

Mit der Zeitschrift "Local" wollen wir aber nicht nur beobachten, sondern auch an der urbanen Praxis teilhaben. In Xi'an mangelt es an öffentlichem, kulturellem Raum. Wir möchten uns dabei einbringen und mit der Publikation von "Local" dem Leben der Stadtbewohner, das im Fokus unseres Interesses steht, neue interessante Aspekte hinzufügen. 

"Bendi-Local" Buchladen
Als ich im Jahr 2012 als Berater für ein Renovierungsprojekt eines urbanen Dorfes fungierte, habe ich den Bauträger überzeugen können, den ursprünglichen Plan zur Einrichtung eines Informationszentrums aufzugeben und stattdessen mit fast demselben Budget einen dreigeschossigen Baukomplex mit einer Gesamtfläche von 2.500qm zu realisieren, der eine Buchhandlung, Ausstellungsräume, ein kleines Theater, ein Café und ein Informationszentrum umfasst. Vor dem Gebäude liegt ein kleiner offener Platz. Außerdem wurde ein Arbeitsteam gegründet, das in den letzten vier Jahren über einhundert Lesungen, Ausstellungen und weitere kulturelle Austauschprojekte organisiert hat. Zu den Veranstaltungen wurden Akademiker/innen, Architekten/innen, Künstler/innen sowie Schriftsteller/innen aus China, Frankreich, Japan, Schweden und den USA eingeladen, in den Räumen ihre Kunstwerke und Theaterproduktionen zu zeigen. Die Events waren kostenlos und standen alle unter dem Leitmotiv: "Lesen verändert die Stadt". Junge Leute vertreiben sich die Zeit im Café, die Kinder der Umgebung machen im Leseraum im ersten Stock ihre Hausaufgaben, und Rentner ruhen sich mit ihren Enkelkindern draußen auf den Treppen des Platzes aus. Der Ort ist somit ein wichtiger Teil des urbanen öffentlichen Raumes geworden. Das Projekt hat nicht nur viel Publikum gewonnen, sondern war auch kommerziell erfolgreich. Die Investoren hat unser Konzept einer offenen Straßenfront absolut überzeugt. Zwischen Kultur und Kommerz konnte ein Gleichgewicht gefunden werden. 

Wir sind auch an einigen Sanierungsprojekten beteiligt, zum Beispiel dem Transformationsprojekt einer alten Stahlfabrik im Osten von Xi’an in einen Industriepark für Design und Innovation. Die Fabrik mit einer Fläche von 50 Mu (ca. 3,33 Hektar) und einer Baufläche von ca. 50.000 m2 stammt aus den 1960er Jahren. Wir waren hierbei Anlage ein. Wir sind selbst Mieter in dieser Anlage und haben einen öffentlichen Raum für Kunst und Kultur namens "Local Life" mit ca. 1.000 m2 kreiert. Die ursprüngliche Architektur haben wir erhalten und einige moderne Elemente hinzugefügt. In diesem Raum wird derzeit eine Ausstellung zu "Straßenkultur" gezeigt. Einige Exponate wurden im vergangenen Jahr als Beitrag zur 15. internationalen Architekturbiennale in Venedig als Teil der Ausstellung "Something about Food" im China-Pavillon präsentiert. 

Konzeptladen im inno park
Im Westen der Stadt kooperieren wir mit der Bezirksregierung der Hightech-Zone und führen Beratungs- und Planungsaufträge zur Errichtung einer Start-up-Basis aus. Das letzte Projekt "Inno Park" umfasst die Sanierung einer Reihe von alten Industriegebäuden aus den 1990er Jahren mit einer Gesamtfläche von 66 Mu (4,4 Hektar) und einer Baufläche von 30.000 m2. Früher war dies der Produktionsstandort des Joint Ventures der Bosch AG in Xi'an. Nach dem Auszug des Unternehmens haben wir für das Areal einen neuen Nutzungsplan konzipiert und das Gelände als Musterpark für Existenzgründungen definiert. Die Ansiedlung wird von der Stadtregierung bezuschusst. Obwohl die Bauarbeiten noch nicht ganz abgeschlossen sind, sind die Räumlichkeiten bereits ausgebucht. Um den Park lebendiger zu gestalten, haben wir einen öffentlichen Raum für Events geschaffen und den landesweit ersten Konzeptladen für innovative Produkte im Bereich Existenzgründung eröffnet. In diesem Laden präsentieren aktuell elf junge innovationsfreudige Marken aus dem Kulturbereich. Für dieses Jahr ist im Park noch ein kleines Theater mit 500 Sitzplätzen geplant. Der "Inno Park" wirkt sich auch bereits positiv auf das Umland aus. 

Die Stadt Xi'an hat eine lange Geschichte und ist zugleich modern aufgestellt. Die Urbanisierung in China läuft auf Hochtouren. Die Probleme, mit denen jede Stadt konfrontiert ist, dienen nicht nur als Herausforderung für Entwurf und Design, sondern sie lassen uns auch eine wertvolle Grundlage für Untersuchungen. Daher können die Forschungsarbeiten und die urbane Praxis des Teams von Bendi- Local in Xi'an vielleicht für andere Stadtmacher aufschlussreich sein, um China besser zu verstehen und eine nachhaltige gemeinsame Zukunft zu schaffen. 

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SONG Qun, Jahrgang 1970, stammt aus Xi'an. Als Künstler und Ideengeber arbeitet er seit vielen Jahren in den Bereichen Architektur, Kunst, Design und Kreativindustrie. Er ist Gründer und Herausgeber der Magazine "local 本地" und "MOMADA" und sammelt und archiviert Fotos, Videos und Texte zur Stadtgeschichte. Bei seinem Bestreben, das kulturelle Gedächtnis der Stadt zu wahren, stehen die einfachen Bürger, ihr Alltag und ihre Erfahrungswelt im Fokus. SONG Qun engagiert sich auch praktisch in der Stadtentwicklung und hat mehrere große, kommerzielle städtische Wohn- und Geschäftsgebäude beratend begleitet. Außerdem hat er die Veranstaltungsreihe "Lesen verändert die Stadt" mit ca. 300 Veranstaltungen, darunter Ausstellungen, Workshops und Vorführungen, kuratiert. Diese sind zu einem einflussreichen Markenzeichen des kulturellen Lebens in Xi'an geworden. Seine Arbeit "Something about Food" wurde 2016 bei der 15. Internationalen Architektur Biennale in Venedig ausgestellt. Er unterrichtet seit 1992 an der Kunstakademie der Shaanxi Normal University.

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