Wer ist unterwegs?

Wie so oft: die Mischung macht Stadt

Interview mit Erhard An-He Kinzelbach, Juni 2017

Was ist "Ihre" Stadt? Warum?
 
Ich "habe" keine Stadt. Stationen in Beijing, Stuttgart, New York, Wien, Hangzhou, Berlin seit meiner Kindheit haben ihre Spuren und Erinnerungen hinterlassen, aber ich könnte und wollte keine einzelne Stadt hier hervorheben.

Was bedeutet "Stadt" für Sie? Was verstehen Sie unter "Stadtmachen"?

Gute Stadt bedeutet für mich Dichte und Heterogenität, Mehrdeutigkeit und Überraschung. Der Dichtebegriff ist hier bewusst weit gefasst, von der baulichen über die phänomenale bis zur programmatischen und sozialen Dichte. Manches muss an Regelwerk fest verankert sein, anderes sollte man offenlassen und eine mehrdeutige Lesbarkeit zulassen.

Dementsprechend bedeutet „Stadtmachen“ eine Mischung aus Top-Down und Bottom-Up Strategien. Weder die ausschließlich per Masterplan konzipierte Neustadt aus einem Guss noch die informell und regellos gewachsen entstandene Siedlungsstruktur führen zu gut funktionierenden, gemeinschaftlich wertvollen und stadträumlich reichen Ergebnissen. Wie so oft: die Mischung macht es. Und innerhalb dieser üben Planer eine wichtige vermittelnde Tätigkeit aus.

Wenn Sie auf unsere "Stadtmacher"-Typologie schauen: Zu wem würden Sie sich zählen?

Ich bin Architekt und Städtebauer...also ganz klar der planenden Typologie zuzuordnen. Planen bedeutet aber nicht nur visionäres Zeichnen, sondern eben auch generalistisches Moderieren und Bündeln vieler spezialisierter Akteure aus Einzeldisziplinen. Es gilt also, den Überblick zu behalten. Und, auch wenn ihm das heutzutage oft abgesprochen wird, niemand kann dies aufgrund seiner Ausbildung besser als der Architekt.

Was konkret haben Sie zwischen Deutschland und China mit "Stadtmachen" zu tun?
 
Mein Studio KNOWSPACE hat von Anbeginn stadtbezogene Architekturprojekte in China realisiert. Gründungsprojekt war ein Pavillon in einem urbanen Park von Ai Weiwei, dann folgten mehrere Projekte unterschiedlichster Maßstäbe, vom Atelierhaus im Künstlerdorf Songzhuang bis zum preisgekrönten städtebaulichen Plan für das neue Regierungsviertel von Kaifeng.

Können Sie ihr Projekt etwas genauer beschreiben?

Aber ganz konkret: beim ersten Stadtmacherforum leitete ich gemeinsam mit Binke Lenhardt den Workshop "The Future of Living", auch weil mir die gegenwärtigen Themen des bezahlbaren und dennoch bedeutungsvollen Wohnraums und der Stadt- und Wohnmodelle für eine rasant alternde Gesellschaft, sowohl in Deutschland als auch China, sehr am Herzen liegen.

Wenn Sie drei Stadtmacher (Persönlichkeiten) zwischen Deutschland und China nennen sollten, die Sie beeindruckend finden, welche sind das? Warum?

Interessant finde ich solche, die es erfolgreich schaffen, sogar innerhalb von Gebäuden Stadt zu machen. Da fallen mir ad hoc OMA und Wang Shu ein. Natürlich, sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Welches stadtbezogene Projekt zwischen Deutschland und China kennen Sie, das Sie wirklich gut finden?

Klar gibt es wirklich gute stadtbezogene Projekte. Aber "zwischen Deutschland und China" fällt mir kein zeitgenössisches ein. Vielleicht ist diese Kategorie aber auch nicht wirklich hilfreich.

Wenn Sie einen Projektvorschlag im Rahmen der Deutsch-Chinesischen Urbanisierungspartnerschaft (Programm beider Regierungen) einreichen könnten: Was wäre das?  

Ich würde Projekte zu gesellschaftlich relevanten Themen vorschlagen, innerhalb derer die Expertise von Architekten gefragt ist: der bezahlbare Wohnbau der Zukunft, Wohnen und Stadt in einer alternden Gesellschaft etc. Themen, die in beiden Kontexten unter den Nägeln brennen, schon seit Jahren. Im Rahmen des aus dem Stadtmacherforum-Workshop hervorgegangenen Inkubator-Projektes wollen wir diese Themen angehen.

Was für Themen wünschen Sie sich im deutsch-chinesischen STADTMACHER-Dialog?

Das Themenspektrum ist schon ganz gut, wie es ist. Vielleicht wäre an manchen Stellen eine stärkere Fokussierung gut. Auf der anderen Seite hat das sehr breite Spektrum auch Vorteile, so können auch sehr spezielle Ansätze in diesem Forum ihre Nische finden.

 

Architekt.png
Weitere Interviews mit Architekten & Urbanisten
Kinzelbach-220X145.jpg
© Nikolaus Korab

Erhard An-He Kinzelbach wurde in Germersheim geboren und hat in Darmstadt, Zürich und an der Columbia University in New York Architektur studiert. Er ist Gründer von KNOWSPACE architecture + cities BDA mit Sitz in Berlin. Nach Lehrpositionen in Wien, Bratislava und Hangzhou ist er 2015 als Professor für Entwerfen und Baukonstruktion an die Hochschule Bochum berufen worden.

Kontakt: