Wohin des Weges?

Zwischen Deutschland und China STADTMACHEN – geht das?

Silvan Hagenbrock, STADTMACHER Kernteam, April 2017

2018, wenn die letzte Zeche im Ruhrgebiet schließen wird, ist der Ruhrbergbau Geschichte. Seit zwei Dekaden beschäftigt man sich hier mit dem Wandel der Region und ihrer 53 Städten. Wie kommt man weg vom Kohlestaub-Image und dem Bild, das Ruhrgebiet sei ein graues Meer an Beton? Natürlich prägen heute noch endlose Straßenzüge und Autobahnen das Bild der Region. Da sitzt man, unter anderem zwischen Dortmund und Duisburg an Bahntrassen und vierspuriger A40, A43, A44 und A45 in den Schrebergärten, erntet Gemüse und lauscht dem Treiben. Diese außergewöhnlichen Situationen und Atmosphären greifen seit Jahren die lokalen Kulturinstitutionen auf. Mit einem LKW, mit integrierter Zuschauertribüne und Panoramafenster, dem Truck Track des Kollektivs Rimini Protokoll, rollt man momentan als Zuschauer durchs Ruhrgebiet und erfährt die gesellschaftlichen Veränderungen in Ton und Bild. Da ist auch copy & waste, die sich mit einem auditiven Stadtspaziergang im Rahmen eines Theaterfestivals den Stadtraum temporär aneignen und hinter die Fassaden schauen. Längst sind die Ruhrstädte Forschungsgegenstand von Stadtmachern geworden. So titulierte die Zeitschrift für Stadtforschung "dérive" 2015 das Ruhrgebiet als Urbanes Labor Ruhr.

Mein Großvater kam in den 1950er Jahren als 17-Jähriger aus dem Schwarzwald ins Ruhrgebiet, um als Bergmann in die Zeche einzufahren. Ein sicherer Arbeitsplatz war gewährleistet und der Traum vom eigenen Motorrad so nah wie noch nie. Seine Bergmannskluft von 1986, die noch vom Kohlenstaub der letzten Schicht bedeckt ist, kann man heute in einer Ausstellungsvitrine des LWL-Museums betrachten. Denn gerade feierten die Westfalen ihren 200. Geburtstag. In seinem eigenen Keller, in einer netten ehemaligen Arbeitersiedlung in Dortmund Brechten, hat er nun sogar sein ganz privates Bergbaumuseum aufgebaut und bringt seine beiden Enkel und Nachbarn ins Staunen. Man fragt sich, wie man eine so schweißtreibende und gefährliche Arbeit glorifizieren kann. Macht dieser Bezug zur Arbeit und das Verständnis von physischer oder künstlerischer Arbeit die Ruhrstädtler aus? Ist es eine besondere Stadtkultur und -identität, die den Menschen Halt gibt? Ist da überhaupt eine Identität des Ruhrgebiets in der Vielzahl der Eigenlogiken der Städte? Und: Was passiert, wenn die Symbole des Wiederaufbaus der Nachkriegszeit verschwinden? 2006 hatten 400 chinesische Arbeiter die Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl demontiert und in der Provinz Shandong wieder aufgebaut. Die Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken begleiteten die Abrissarbeiten und fragten sich in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm „Losers and Winners“, wer denn die Verlierer und wer die Gewinner seien.

In Deutschland ist das Ruhrgebiet für viele ein uninteressanter Siedlungsbrei. Dabei übersehen sie das "dazwischen". So wird zukünftig der erste Radschnellweg Deutschlands RS 1der schnellste Weg durchs Revier sein. Trotz starker Konkurrenz und enormen Wettbewerbsdruck unter den Städten hat das Ruhrgebiet Antworten auf den schwierigen Umgang mit dem Verlust der Montanindustrie gefunden. Antworten auf Herausforderungen, vor denen nun auch China zum Teil steht. Gleichzeitig ist es aber auch möglich, von China zu lernen. Das 25-jährige Städtepartnerschaftsjubiläum zwischen Xi’an und Dortmund ist ein Anlass, die beiden Städte und das Ruhrgebiet näher zu untersuchen.

Für das zweite STADTMACHER–Blatt haben wir einen 360°-Blick auf die Region gewagt. STADTMACHER Deutschland – China stellt Ihnen die Architekten ZHANG Rubing und WANG Keyao aus Xi’an vor, die sich mit dem industriellen Erbe Xi’ans auseinandersetzen und es schützen. Die Urbanisten e.V. aus Dortmund bieten einen Stadt-von-Unten-Ansatz, der eine hohe Relevanz für chinesische Stadtentwicklungsprozesse haben kann. So sieht es auch Staatssekretär Gunther Adler im Gespräch mit STADTMACHER China – Deutschland. In den letzten Jahren sei die Einsicht gewonnen worden, dass eine kritische Sicht auf Gestaltungen der Stadtentwicklung keine Kritik am System, sondern eher identitätsstiftend sei, so Adler. Der Kurator und Stadtforscher SONG Qun beobachtet die Straßenkultur Xi’ans und wird Sie in das heutige Xi’an mitnehmen, während Qi Bohnenkamp Ihnen Einblicke in sein Praktikum beim BVB während dessen China-Reise gewährt. Mit der zweiten Ausgabe des STADTMACHER–Blattes können wir nur ansatzweise die zahlreichen Fragen des gegenseitigen Lernens beantworten. Doch wir sind überzeugt, dass komplementär zu technologischem Fortschritt auch soziale Innovationen sowie gemeinsame Lern- und Identifikationsprozesse angestoßen werden müssen. Das Programm STADTMACHER China – Deutschland bietet hierfür einen idealen Rahmen.

 

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Die zweite Ausgabe des STADTMACHER-Blattes wurde federführend von Silvan Hagenbrock gestaltet. Seit Anfang 2016 ist er Ko-Kurator des Programms STADTMACHER China — Deutschland. Er ist gebürtiger Dortmunder, Urbanist und Filmemacher zwischen China und Deutschland und hat zwei Jahre in China gelebt. In dieser Zeit entstand auch der Film THIS IS PAN TAO über „Schrebergärten“ in Shanghai. Im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit an der Bauhaus-Universität Weimar produzierte er 2016 den Film CHINESE NEW FLOWER – über chinesischen Urbanismus in Addis Abeba. Silvan arbeitet und lebt zwischen Wien und Berlin.

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