Wohin des Weges?

Le Shui Xing 乐水行 – Walk Water Wonderful

Dr. Eva Sternfeld, Sinologin, Juli 2017

Jeden Samstag bei Wind und Wetter und dies seit mehr als 10 Jahren treffen sich in Beijing Naturfreunde zu einer Wanderung entlang der Gewässer in und um die 21 Millionen Metropole. ZHANG Junfeng 张俊峰, Ökologe an der Beijing Agricultural University und Aktivist bei der NGO Green Earth Volunteers hat die Bewegung „Le Shui Xing“ im März 2007 ins Leben gerufen. Seither hat er tausende von Interessierten für die Bedeutung der Wasserwege als Lebensadern der Stadt und ihre Schutzbedürftigkeit sensibilisiert. 

In der Region Beijing ist Wasser naturgemäß knapp. Zwar entspricht der langjährige durchschnittliche Niederschlag mit 500 bis 600 mm in etwa den Verhältnissen in Berlin-Brandenburg, jedoch fällt der Niederschlag monsunbedingt nicht so verlässlich wie in Deutschland. In den 2000er Jahren erlebte Beijing eine mehrere Jahre anhaltende Trockenperiode mit nur 300 bis 400 mm Niederschlag pro Jahr. Zugleich wuchs die Bevölkerung der Stadt um mehrere Millionen Menschen. Das jährlich vor Ort verfügbare Pro-Kopf-Wasserdargebot wird inzwischen mit etwa 150 Kubikmetern beziffert, vergleichbar mit den Wasserverhältnissen in Palästina. Dies hatte dramatische Konsequenzen: Flussläufe trockneten aus, der Grundwasserspiegel fiel rasant. Und doch bekommt man davon im Zentrum der Stadt wenig mit. Beijing hängt am Tropf seiner Nachbarprovinzen, seit Beginn der 2000er Jahre hat Beijing mehrere hundert Millionen Kubikmeter aus der ebenfalls wasserarmen Nachbarprovinz Hebei bezogen, und seit 2014 sprudelt auch die Versorgung mit Wasser aus der Yangzi-Region über den Süd-Nord-Kanal 南水北调.   

Die Wasserprobleme der Stadt sind freilich keineswegs gelöst und wie prekär die Situation an den Stadträndern ist, kann man selbst bei einer Wanderung von „Le Shui Xing“ in Augenschein nehmen. Die Tageswanderungen, bei denen oft 20 bis 30 km zurückgelegt werden, sind  abwechslungsreich: Mal führen sie hinaus in die Beijinger Westberge, wo sich einst die wichtigsten Quellen der Stadt befanden, von denen die meisten heute versiegt sind, oder in den Norden zu den in den 1950er Jahren erbauten Stauseen Guanting und Miyun. Oft trifft sich die Wandergruppe auch in der Stadtmitte und folgt nach Osten den Gewässern hinaus bis an den Stadtrand. Und obwohl er schon über 500 Wanderungen geführt hat, sagt ZHANG Junfeng, dass es im Raum Beijing immer noch einige Gewässer gibt, die die Gruppe noch nicht abgewandert hat, da sie sich in solch gebirgigen Gebiet befinden, dass es für ungeübte Bergsteiger zu gefährlich wäre, dorthin zu gehen. An Feiertagen wie z.B. während des chinesischen Neujahrfestes und der Ferien während des Nationalfeiertags werden auch mehrtägige Wanderungen angeboten und weiter entfernte Ziele angesteuert.  So fuhr die Gruppe im Frühjahr 2017 zum Danjiangkou-Reservoir in Hubei, das den 2014 in Betrieb genommenen Süd-Nord-Kanal, mit Wasser speist. Die Wanderer fotografieren den Zustand der Gewässer und nehmen von besonders verschmutzten Abschnitten Wasserproben. Ihre Berichte kann man in einem Blog auf der Website der „Green Earth Volunteers“ nachlesen. Bei einigen Gewässern lassen sich im Lauf der Jahre auch positive Veränderungen vermelden. Die zunehmend bessere Ausstattung der Stadt mit Klärwerken und der Bezug von zusätzlichem Wasser aus Südchina ermöglichen es, dass Beijing heute fast 20 Prozent seines Wasserbudgets als sogenannten „ökologischen Bedarf“ deklariert und für die Erhaltung von Gewässern im Stadtgebiet einsetzt. Es werden große Summen investiert, um die ehemals stinkenden Abwasserkanäle oder ausgetrockneten Gewässer zu ansprechenden Naherholungsgebieten auszubauen. Mancherorts werden solche auch neu geschaffen, wie z.B. der Drachensee im Olympiapark. „Leben im Grünen und am Wasser” wird nun auch zu einer „Marke“, die die Immobilienpreise in den Neubaugebieten in die Höhe treiben.  

Bei den Wanderungen lernt man viel: Nicht nur über den Zustand der Gewässer, sondern auch über den Wandel der Stadt und die Herausforderungen der Urbanisierung. Sobald man in Beijing aus der Innenstadt über die 4. Ringstraße hinauswandert, wechseln sich Neubauareale mit den Überresten ehemaliger Dörfer ab, die nun zu überfüllten Unterkünften der Arbeitsmigranten geworden sind. Als Folge der im Lauf der Jahre explodierten Immobilienpreisen lässt sich feststellen, wie die Wohngebiete für die ärmere Bevölkerung und Zugewanderte immer weiter an den Stadtrand verdrängt werden. Hier fehlt noch immer jegliche Infrastruktur, für Abwasser- und Müllentsorgung bleiben nur die Gewässer.  

Inzwischen hat die Wanderbewegung „Le Shui Xing“ überall in China Nachahmer gefunden und laut Zhang gibt es in über hundert Städten ähnliche Initiativen. Googelt man 乐水行 findet man Fotoimpressionen aus allen Landesteilen, wo Naturfreunde die Gewässer ihrer Umgebung erwandern und damit auch den Schutz der Gewässer als Naherholungsgebiete einfordern.   

Ich selbst hatte Gelegenheit 2008 und zuletzt 2017 an „Le Shui Xing“-Wanderungen im Osten Beijings teil zunehmen und die Fotos für diesen Beitrag wurden auf diesen Wanderungen aufgenommen. 

Wanderung 18. März 2017 (Liangmahe 亮马河 Dongzhi men wai bis 5. Ring und zurück)
Zwischen der 2. und 3. Ringstraße ist der Fluss und seine mit Weiden bepflanzten Ufer ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Anwohner. Man sieht alte Männer beim Angeln und Taiqiquan, manchmal wagen sich hier auch Schwimmer ins Wasser. Im Sommer reinigen Wasserpflanzen das Wasser. 
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Dr. Eva Sternfeld ist Sinologin und forscht und lehrt seit über 30 Jahren zu den Themen chinesische Umwelt- und Ressourcenpolitik. Zuletzt lehrte sie als Gastprofessorin am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin, davor war sie Leiterin des Center for Cultural Studies of Science and Technology in China der Technischen Universität Berlin. Von 2000 und 2008 arbeitete sie als ausländische Expertin am Center for Environmental Education and Communication des chinesischen Umweltministerium in Beijing. Sie ist Herausgeberin des Routledge Handbook of Environmental Policy in China (erschienen im April 2017).