Wohin des Weges?

Einmal sehen ist besser als hundertmal hören

Michael Leischner, Leiter Koordinierungsstelle Klimaschutz / Klimaanpassung Stadt Dortmund Umweltamt, August 2017

Liebe Stadtmacher,

nach meiner Rückkehr aus Xi’an habe ich nach mehr als einer Woche immer noch das Bedürfnis, meinen KollegInnen und Freunden davon zu erzählen. Diese Woche Stadtexkursion wird mir als kleines Juwel unter meinen bisherigen internationalen Stadterkundungen in Erinnerung bleiben. Das Bild, das ich von China hatte, speiste sich bislang nur aus den Eindrücken einer kurzen, beruflich bedingten Reise nach Zhuhai und Bildern, die über Filme, Medien und die Schule vermittelt wurden. 

Ich erinnere mich noch an die Romane von Pearls S. Buck „Die Frauen des Hauses Wu“ (Der Originaltitel lautet „Pavillon of Women“, erschienen 1948), ein gesellschaftskritischer Liebesroman in China zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und an „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ von Herbert Rosendorfer. Eine sehr erheiternde Geschichte über einen Mandarin des 10. Jahrhunderts, seines Zeichens Präfekt der Dichter der 29 moosbewachsenen Felsenwände, den eine Zeitreise in das München des ausgehenden 20. Jahrhunderts katapultiert und der es zu verstehen versucht. Mit westlichem Blick auf chinesische Traditionen und die Mythologie schreibt hier ein deutscher Schriftsteller lustig, aber nicht ganz vorurteilsfrei über China. Dies alles vermengt mit den bekannten Bildern  der chinesischen Kulturrevolution, aus Kung Fu-Filmen bzw. von chinesischen (Kampf-) Sportarten, von den Ereignissen am Tian’anmen-Platz in Peking oder über Umweltkatastrophen  und ungebremstes Wachstum füllt den Wissensschatz eines deutschen China-Reisenden – meinen Wissensschatz. 

Kein Wunder, dass meine Erwartungshaltung ganz gehörig von dem abwich, was ich dann erlebte. Das lag vor allem an der Art, wie diese Exkursion verlief. Diese Reise war für mich spannend, sehr überraschend, sehr chinesisch, informativ, kommunikativ unkompliziert, spontan und macht Lust auf mehr. Das China-Interesse ist geweckt. Dafür möchte ich Silvan Hagenbrock des STADTMACHER China – Deutschland Programms für die tolle Organisation und seinen stadtplanerischen Input herzlich danken, aber auch Dr. Eva Sternfeld für ihr Wissen über chinesische Mythologie und Geschichte. Beide waren dank ihrer Chinesisch-Kenntnisse für mich „Türöffner“ zu den chinesischen Partnern. Zusammen mit Gunnar Grandel, angehender Urbanist, war die (zugegeben sehr deutsche) Reflexion des Gesehenen ein wichtiger Bestandteil unseres Flanierens (1) durch Xi’an.  

Urbanisation, Kunst, historisches Erbe und Strukturwandel waren die Themen, die mich nach langjähriger planerischer Tätigkeit für die Twin-City Dortmund auch in Xi’an interessierten. Spannend die Suche der Xi’aner nach ihrer Identität, von der nach der Kulturrevolution ja nur noch Fragmente eines früheren riesigen Kulturerbes vorhanden sind. Dazu passt die Rückbesinnung auf die Industriekultur im Ruhrgebiet, die hauptsächlich durch die Internationale Bauausstellung Emscherpark befeuert wurde. 

In Xi’an wie im Ruhrgebiet gibt es offenbar ein ähnliches Verständnis von Urbanisation, deren positive Elemente global ähnlich empfunden werden. Schon unser Hotel, eine umgebaute ehemalige Stahlfabrik auf dem umgenutzten Steel Park-Gelände von Xi’an, war eine kleine Zeitreise in die jüngere Industriekultur-Geschichte Chinas und hätte genauso gut in der Metropole Ruhr als Industriedenkmal stehen können.  

Liebe Stadtmacher,

eine Stadt „lesen“ durch Erwandern und sich mit ihren Akteuren vernetzen, die an ihr arbeiten, das macht ihr richtig gut und spricht mir aus meinem „urbanen Herzen“.

Macht bitte weiter so.

(1) Mit „Flanieren“ meine ich die zu meiner Studienzeit an der Gesamthochschule Kassel durch meinen Professor Lucius Burckhard entwickelte „Spaziergangswissenschaft“ (Promenadologie, englisch „Strollology“). Auf der documenta 2017 in Kassel wurde das Werk von Lucius Burckhardt neben seinen Aquarellen zum Kunstwerk geadelt.

Liebe Xi’an er,

„Es ist historisch gesehen Tradition in China, dass jede neue Dynastie das Alte zerstört und etwas Neues schafft“ – Statements wie dieses von LIANG Jingyu, Kurator des chinesischen Pavillons auf der Architektur Biennale in Venedig, haben bei mir Eindruck hinterlassen. Sie wecken aber auch Assoziationen und Gefühle, die mich als Europäer zuerst sprachlos machen. Im ersten Impuls möchte ich ausrufen: Lasst bitte eure imposante Stadtmauer stehen und opfert sie nicht einer kurzfristigen und vergänglichen Kapitalistenblase.

Das ist natürlich Blödsinn: Wer sagt denn, dass das sehr westeuropäische oder in meinem Fall deutsche Verständnis von Städtebau und Architektur das Maß der Dinge ist? Wer sagt, was als schön oder hässlich zu gelten hat? 

Zunächst möchte ich aber SONG Qun, DING Rui, WANG Keyao, LIANG Jingyu, LI Xin, Chien Ying Wu, Hermann (chinesischer Kaffeeröster im Steel Park) und allen anderen Akteuren in Xi’an herzlichst für ihre  Gastfreundschaft danken und vor allem für den kleinen, aber intensiven Einblick in ihr Schaffen und Leben in China.  

Um den Faden wieder aufzunehmen: 

Auf der Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Xi’an drängt sich förmlich der Vergleich zu Dortmund auf. 

Für meinen beruflichen, städtebaulich-planerischen Hintergrund und für mein Empfinden von Urbanität ist der Kontrast besonders interessant. Verglichen mit Dortmund, der Partnerstadt von Xi’an, in der ich lebe und arbeite und in der die integrierte Stadtentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in den Vordergrund trat, sind diese Ansätze in Xi’an noch etwas zarter.
Auf der anderen Seite, und das erscheint mir fast radikaler als in Dortmund, hat Xi‘an wohl die Dringlichkeit der ökologischen Probleme erkannt. Das konnte ich an den vielen Elektrozweirädern, Fahrradverleihsystemen, Solarthermie-Anlagen auf den Dächern und vielen weiteren Hinweisen erkennen.
Was es allerdings für einen integrierten und nachhaltigen Ansatz in der Stadtentwicklung braucht, ist ein Bewusstsein für kulturelle Identität. Es hat mich überrascht, dass Bürger und Akteure von Xi’an dies erkannt und umgesetzt haben. Beides ist nach meinem Verständnis Grundvoraussetzung für eine gesunde Umwelt und für eine funktionierende, von Nachhaltigkeit geprägte Gesellschaft. Heutzutage wäre „resiliente Stadt“ die wohl bessere Bezeichnung. 

Wie geht Dortmund mit seiner Identität um? In Dortmund bzw. im Kohlerevier wird schon seit längerem versucht, Relikte der Schwerindustrie zu bewahren. 

Das Erbe unserer Großväter ist mittlerweile wichtiges Element beim Vorzeigen des Vergangenen und  beim Erschaffen von Neuem geworden. 

Bei der Frage, ob dies grundsätzlich gut und wichtig ist, fällt mir ein: Der britische Sozialanthropologe Michael Thompson bestätigt mit seiner Mülltheorie die These vom Wiederentdecken des Vergangenen. Es gibt – so Thompson – eine ständige „Auf-, Um- und Entwertung von Dingen“, so dass einiges aus der Mode gerät – und vielleicht entsorgt wird, anderes aber, was einst billig war oder durch Verfall geworden ist, plötzlich erheblich an  Bedeutung  gewinnt. Es  erlebt dann  eine  Werttransformation  und wird vom Vergänglichen zum Dauerhaften. (Thompson, Michael, 2003: Mülltheorie. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten. Neu herausgegeben von Michael Fehr. Essen) 

Es war für mich daher faszinierend, das Unternehmen „Local Bendi“ im Old Steelworks Creative Park in Xi’an kennen zu lernen, das die überall vorhandenen Fragmente der jüngeren chinesischen Kultur archiviert, für die Öffentlichkeit in Form von z.B. Fotobüchern oder Ausstellungen bereit stellt und auch Techniken vermittelt, um Replikate von z.B. Tongeschirr nachzubilden.  

Besonders eindrucksvoll: eine sehr große Buchhandlung  mit Ausstellungsräumen in einem neuen Gewerbe- und Industriegebiet, die für die dortigen Arbeitnehmer und ihre Familien erschaffen wurde. Ein  verfügbarer „Wissensspeicher“ des Vergangenen an einem so ungewöhnlichen Ort ist nicht nur kreativ, sondern einmalig und damit Kunst an sich. 

Auf dem Dach des Bürohochhauses, in das die Buchhandlung integriert ist, hatten wir den Ausblick über das gesamte Areal und mir wurde mir die Radikalität bewusst, mit der es umgesetzt wurde. Beim ersten Betrachten erschien mir dieser Standort als „konfliktlos“. Das Statement, dass „jede neue Dynastie das Alte zerstört, um Neues zu erschaffen“, trifft hier zu.
Denke ich länger darüber nach, welche Geschehnisse dieser sehr großen Stadt- und Landschaftsveränderung vorausgegangen sind, könnte ich mir vorstellen, dass es oft schmerzhafte Ereignisse und Prozesse waren, die zu diesem jetzigen Zustand geführt haben. Da ich aber nicht weiß, wie sie tatsächlich abgelaufen sind, kann ich höchstens eine Situation in Dortmund heranziehen, die vielleicht eine ähnlich radikale Veränderung mit sich brachte, die aber durch ihren langwierigen, 25 Jahre währenden Entstehungsprozess die Art des integrierten Planungsansatzes in meiner Region dokumentiert: die Entwicklung des Phoenix-Standorts.
Beim Projekt Phoenix in Dortmund traten Ängste der dortigen Bevölkerung im Hinblick auf Gentrifizierung offen zu Tage. In vielen Workshops, Bürgerbeteiligungsverfahren, politischen Diskussionen und natürlich im gesetzlich verankerten Plan-Beteiligungsverfahren konnten manche dieser Bedenken ausgeräumt oder sogar planerisch abgefedert werden. Bei solch komplexen Vorhaben gibt es aber nicht nur Vorteile. Es ist eine Gratwanderung, alle Ziele zu erreichen: Konflikte aushalten, Bedürfnisse  der Anwohner berücksichtigen und sie in den Planungsprozess integrieren, das Erbe bewahren, die Umwelt schonen und Ressourcen sparen. Vielleicht ist es besser, die bisherigen Nutzer in den Prozess des Erschaffens einzubinden, als sie vor vollendete Tatsachen zu stellen und sie in den Stand des „schönen Neuen“ zu katapultieren.  Auch das Neue muss wachsen können und einen Prozess des Akzeptierens durchlaufen, der leichter fällt, wenn er von der Bevölkerung mitgestaltet werden kann.  

Schließen möchte ich mit einigen Eindrücken vom Besuch der ehemaligen Garment Fabrik Dahua 1935:

Das große, überwiegend noch leerstehende Fabrikgelände mit seinen unterschiedlichen Produktionsstätten, mit seinen monumentalen Bauwerken, Eingangstoren, seiner Werkshistorie, seinen faszinierenden detailreichen Ecken, Anblicken und Ausblicken, seinen neuen Nutzungen – es hätte auch im Kohlerevier in Dortmund stehen können. Vielleicht hätte es nach seiner Veränderung gar nicht so viel anders ausgesehen, und tatsächlich gibt es in Bocholt in der Nähe von Dortmund eine ähnliche  Garment-Fabrik, die die Mitgestalter und Architekten von Dahua, WANG Keyao und ZHANG Rubing, bereits gesehen haben. 

Das neue Dahua ist ein beispielhaftes Vorgehen, durch Architektur und Design den alten Fabrikstandort zu erhalten. Neues hinzufügen, um das Alte zu stabilisieren, es zu verschönern, es zu attraktivieren, neue Nutzungen erfinden: Museum, Theater, Konzertsaal, Hotel, zukünftig auch Geschäfte und Shoppingmall. 100 Millionen Euro wurden für diese ersten Arbeiten ausgegeben, bevor der Großteil der Anlage überhaupt genutzt ist. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es aber diesen Großteil der neuen Nutzer noch gar nicht. Er muss noch er- oder gefunden werden.   

In Bocholt ist man lange noch nicht soweit. Zwar gibt es auch hier schon einige Vorarbeiten mit  ähnlichen Zielen wie in Xi’an, aber der Prozess des neu zu Erschaffenden erscheint hier viel mühsamer und langwieriger. 

Kein deutscher Investor würde 100 Millionen Euro investieren, ohne zu wissen, wie die Nutzung nachher aussieht, und ohne sich relativ sicher zu sein, die Ausgaben zu refinanzieren. Daher sind es in meiner Region hauptsächlich öffentliche Gelder, Stiftungen und Fördertöpfe, aus denen solche Projekte gespeist werden. Die Vor- und Nachteile dieser beiden Systeme (die in diesen beiden Fällen eigentlich ähnliche Ziele verfolgen), die geschaffenen Abhängigkeiten, die integrierten Planungsansätze auf der einen und die Radikalität (z.B. der Finanzierung) auf der anderen Seite – dieser Vergleich lohnt sich und unterstreicht den Sinn des „voneinander Lernens“. 

Und: die „Mülltheorie“ eines Michael Thompson, sie sollte nicht unterschätzt werden.  

Über Michael Leischner

Michael Leischner leitet die Koordinierungsstelle für Klimaschutz und Klimaanpassung der Stadt Dortmund. Dort ist er verantwortlich für das Programm Klimaschutz 2020 zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen und für die Entwicklung von Strategien zur Abmilderung der Klimafolgen in der Stadt. Ab 1990 arbeitete er als Projektleiter bei der Stadt Dortmund für Projekte zur IBA — Internationale Bauausstellung Emscherpark. Von 2001 – 2005 war er als Senior Physical Planner beim Ministry of Local Government in Lesotho tätig.

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