Wohin des Weges?

Die Instrumentalisierung der Vergangenheit und der Immobilienmarkt

Die Rekonstruktion des Areals des tangzeitlichen Daming Palasts in Xi'an und die Umgestaltung der umliegenden Stadtquartiere

Ein Artikel von Eva Sternfeld

Prolog

Bei unserem Besuch in Xi'an stellte uns der mitreisende Architekt WANG Keyao die beeindruckende Umgestaltung der in den frühen 2000er Jahren stillgelegten Weberei Dahua in ein multifunktionales Kultur- und Geschäftszentrums vor, an der WANG viele Jahre als Planer mitgewirkt hat (siehe auch Bericht von Michael Leischner). Nach Angaben von WANG wurden umgerechnet fast 100 Mio. € in den Umbau investiert. Einige Teile des riesigen Areals sind bereits in Betrieb und werden gut angenommen, dazu gehören Restaurants, Cafés, ein Hotel, ein Theater und Kulturzentrum sowie ein Museum, das die Geschichte der 1935 gegründeten Fabrik – einst ein großer Arbeitgeber mit 2000 Beschäftigten – sehr anschaulich darstellt. Die gigantischen Produktionshallen, die aufwändig umgestaltet wurden (dazu gehört auch die Nachrüstung, um die Gebäude im Falle von Erdbeben zu sichern) und für eine mögliche Nutzung als Shopping-Center vorgesehen waren, stehen bislang noch leer und harren der Inbetriebnahme. Dies mag mit zum einen mit veränderten ökonomischen Bedingungen zu tun haben, aufgrund eines Überangebots an Shopping-Malls und des äußerst verbreiteten Online-Shoppings, aber wohl auch damit, dass man nun nach neuen Investoren mit neuen Ideen sucht. Bei genauerer Recherche wird deutlich, dass das Projekt Dahua 1935 im Kontext der Neugestaltung des in unmittelbarer Nachbarschaft befindlichen Daming Palace National Heritage Park zu sehen ist.

Ursprünglicher Initiator der Umgestaltung der alten Spinnerei Dahua 1935 war die Xi'an Qujiang Daming Palace Investment Group 西安曲江大明宫投资集团有限公司 (siehe auch http://www.qujiangdmg.com), ein Unternehmen, das 2007 gegründet wurde, um den „Imperial City Restoration Plan“ 皇城复兴计划sowie den 3. Masterplan der Stadt (2008-2020) umzusetzen. In beiden Plänen wird auf Rekonstruktion historischer Anlagen zur Förderung von Tourismus und zur Steigerung der wirtschaftlichen Attraktivität und Lebensqualität der Stadt gesetzt. Sie zielen darauf ab, die Glanzzeit Xi'ans als Hauptstadt der Tang-Dynastie im 7. bis 10. Jahrhundert zu rekonstruieren. Damals war Chang’an, der Vorläufer Xi'ans, mit einer Million EinwohnerInnen die größte und als Knotenpunkt der historischen Seidenstraße die vermutlich wichtigste Stadt der Welt. Die Umsetzung dieser Pläne haben im vergangenen Jahrzehnt einen gigantischen Umbau Xi'ans in Gang gesetzt, der in Anlehnung an die imaginierte Straßenführung Chang’ans breite Boulevards in der Innenstadt sowie viele neue Sehenswürdigkeiten, Parks und Grünlagen geschaffen hat, zugleich aber auch zahlreiche traditionelle Stadtquartiere, teilweise aus der Ming und Qing-Zeit zerstört und BewohnerInnen aus ihren Quartieren verdrängt hat.

Die Fotobücher von SONG Qun dokumentieren das Leben in diesen heute weitgehend verschwundenen Hutong Quartieren (SONG 2014). Einzig das Moslem-Viertel blieb vom Abriss weitgehend verschont und hat eine touristische Aufwertung erfahren, da der Islam als ein wichtiger Bestandteil des religiösen und kulturellen Lebens des tangzeitlichen Chang’an gilt(1).  Viel Geld ist bereits in die Umbauprojekte geflossen. Die Einkünfte aus der Kohleförderung, die in Shaanxi zumindest in den Boomjahren der ersten Dekade der 2000er Jahre reichlich flossen, wurden hier in Betongold umgesetzt.

(1) Der Imperial City Restauration Plan umfasste u.a. den Umbau der Stadtmauer zu einer begehbaren Touristenattraktion (Fertigstellung 2004) , den Ausbau und die Verbreiterung der Ost-West Boulevards (2005-2011), die Anlage eines 440.000 qm Grüngürtels entlang der ehemaligen tangzeitilichen Stadtmauer (2006), den Qujiang

Auf das tangzeitliche Chang’an bezieht sich auch der Name der oben genannten Investment Gruppe, denn er umfasst den 2008 eröffneten Qujiang South Lake Park, einen See am südlichsten Ende sowie den Daming Palast, dem Palast der Tang-Kaiser am nördlichen Rand der tangzeitlichen Haupstadt. Beide Orte sind inzwischen als öffentliche Parks und Erholungsgebiete rekonstruiert. Um den Daming Palast, den anliegenden Park und die damit verbundene Umgestaltung des umliegenden Stadtquartiers von insgesamt 19 km2 soll es im folgenden Beitrag gehen.       

Rekonstruktion des Daming-Palastes

Die Anlage des historischen Chang’an galt als eine nahezu perfekte Umsetzung der aus der Zhou-Zeit (5.Jh. vor Chr.) überlieferten Bauvorschriften für eine Kaiserstadt(2). Das historische Chang’an nahm eine deutliche größere Fläche ein als die noch heute erhaltene ummauerte Altstadt aus der Ming und Qing-Zeit. Authentische Bauten aus der Zeit Chang’an sind heute jedoch nur wenige erhalten. Zu ihnen zählen die große und die kleine Wildgans-Pagode 大雁塔 und 小雁塔, die jedoch auch mehrfach wieder aufgebaut wurden. Die Rekonstruktion des historischen Chang’an beruht daher weitgehend auf der Imagination der Stadtplaner der Gegenwart.

(2) In den Riten der Zhou. Abhandlung über die Berufe 周礼。考工记 heißt es: “Die Handwerker erbauen die Hauptstadt als Quadrat mit einer Seitenlänge von neun Li mit drei Toren an jeder Seite und neun vertikalen und neun horizontalen Straßen, von denen jede neun Wagenspuren breit ist. Der Palast des Königs in der Mitte mit dem Ahnentempel auf der linken und dem Altar für die Götter des Bodens und des Getreides auf der rechten Seite; vor dem Palast liegt der Hof, hinter dem Palast liegt der Markt.”

Der Daming-Palast 大明宫befand sich außerhalb der Stadtmauern von Chang’an am nordöstlichen Stadtrand von Chang’an und war während der Tang-Zeit als Sitz des Kaiserhofs politisches Zentrum des Reiches. Dieser wurde unter Kaiser Taizong 唐太宗 599-649 erbaut und unter seinen Nachfolgern zu einem monumentalen Komplex erweitert. Gegen Ende der Tang-Zeit wurden sämtliche Palastanlagen durch ein Feuer zerstört. Die Überreste der Anlage wurden erstmals um 1906 wieder erwähnt, als der japanische Forscher Kiruku Adachi in der damals ländlichen Umgebung Xi'ans die Ruinen der Palastanlage identifizierte. 1933 publizierte Adachi seine Erkenntnisse in einem Buch über die Relikte Chang’ans. In der Volksrepublik China wurden zwischen 1957 und 1960 systematische archäologische Grabungen durchgeführt, die ab 1981 bis in die 1990er Jahre fortgesetzt wurden. Gefunden wurden unter anderem die Fundamente der Hanyuan 含元 Halle sowie Fundamente der Torpfeiler des Danfeng-Tors 丹凤门 – des südlichen Eingangstors.

Bei der Umsetzung des Imperial City Restauration Plans wurde ab 2008 mit Unterstützung der Staatlichen Verwaltung für kulturelles Erbe damit begonnen, die mehr oder weniger verstreuten Grabungsfunde der Daming Palast-Anlage in einem nationalen archäologischen Park zusammenzuführen. Die Stadtregierung Xi'an investierte über die erwähnte Qujiang Daming Palace Investment Group rund 1,2 Mrd. RMB in den Bau einer monumentalen Parkanlage, die sich über 3,2 km2 erstreckt. Um die historischen Relikte vor einem weiteren Verfall zu schützen, wurde über den Resten des Tors eine monumentale Replik erstellt. Hierin befindet sich eine kostenpflichtige Ausstellung, die jedoch aufgrund der hohen Eintrittskosten (60 RMB) und der recht wenigen authentischen Exponate(3) nur sehr schwach besucht wird.

3. Die bedeutendsten tangzeitlichen Artefakte befinden sich alle im Shaanxi Provinzmuseum. Hier ist der Eintritt frei.

Hinter dem Tor befindet sich eine weitläufige betonierte Freifläche. Die wenigen Besucher an diesem extrem heißen Sommertag suchen den Schatten unter den Bäumen am Rand des Platzes. Am Ende des Platzes gelangt man zur Hanyuan Halle, deren originale Fundamente mit der Rekonstruktion des Sockels des Gebäudes abgedeckt wurden und frei begehbar sind.
Von dem Sockel hat man einen guten Überblick über die gesamte Anlage.
Im Laufe der Jahre ist hier eine weitläufige Parkanlage einschließlich eines künstlichen Sees geschaffen worden, die sicherlich als von den Planern intendierter City Central Park (China Daily 2011) ein willkommenes Naherholungsgebiet für die Bevölkerung darstellt. Allerdings nicht für die ursprünglichen BewohnerInnen des Gebietes. Für die Gestaltung des Parks wurden insgesamt 20.000 Häuser abgerissen und 100.000 Menschen umgesiedelt (Zhu 2017:4). Wie wir bei unserem Besuch 2017 feststellen konnten, geht derzeit der Abriss älterer Wohnbezirke im Süden des Danfeng-Tors an der Ziqiang Straße weiter.
Schaut man aktuelle Entwürfe von Design-Firmen für die Umgebung des Parks an, wird deutlich, dass der Park als repräsentatives nationales Symbol und zugleich Naherholungsgebiet insbesondere auch den Zweck erfüllt, die umliegenden Quartiere aufzuwerten und Investoren für hochpreisige Immobilien anzulocken. Wohin die Entwicklung möglicherweise gehen wird (falls die Kohle-Millionen nicht versiegen) zeigt der Masterplan aus dem Jahr 2014, den das in London und Shanghai ansässige Büro OAC Office of Architectural Culture für insgesamt 300 ha in der Umgebung des Parks einschließlich Dahua 1935 erstellt hat. Deutlich sieht man hier die geplante Umwandlung des Gebiets südlich des Danfeng-Tors. Ein grüner Verbindungskorridor ist vom Bahnhof zum Danfeng-Park geplant. Auch Dahua 1935 ist Teil der Planung umgeben von einer Grünfläche. Nicht ganz eindeutig ist, ob die derzeit noch bestehenden Wohnungen der ehemaligen Beschäftigten von Dahua erhalten bleiben.
Der Plan sieht eine Mischnutzung aus Appartements, Geschäftshäusern, hochpreisigen Bürogebäuden, Kreativbüros, ein Seidenstraßen-Museum auf dem Gelände des Daming-Parks, das den eurasischen Austausch dokumentiert, sowie ein 300 Meter hohes Hochhaus in stilisierter Form eines Wachturms (Mischnutzung, ADF 2014), vor.
Ob diese Pläne künftig tatsächlich so umgesetzt werden, ist jedoch unklar. Auf der aktuellen Website von OAC wird der Daming Masterplan nicht mehr erwähnt.
  • Chung Saehyang (1990): A study of the Daming Palace Documentary Sources and Recent Excavations, Artinus Asiae, Vol. 50, No. 1-2 (1990), pp. 23-72
  • SONG Jun (2014): Shijing Shenghuo 市井生活 (Das Leben der kleinen Leute) (Fotos aus dem Xi’an der 80er Jahre.
  • ZHU Yujie (2017): Uses of the past: negotiating heritage in Xian. International Journal of Heritage Studies in Xi’an
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Dr. Eva Sternfeld ist Sinologin und forscht und lehrt seit über 30 Jahren zu den Themen chinesische Umwelt- und Ressourcenpolitik. Zuletzt lehrte sie als Gastprofessorin am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin, davor war sie Leiterin des Center for Cultural Studies of Science and Technology in China der Technischen Universität Berlin. Von 2000 und 2008 arbeitete sie als ausländische Expertin am Center for Environmental Education and Communication des chinesischen Umweltministerium in Beijing. Sie ist Herausgeberin des Routledge Handbook of Environmental Policy in China (erschienen im April 2017).