Wohin des Weges?

Kooperative neue Formen des Lebens – Ein Vorreiter-Projektin Berlin

Silvan Hagenbrock, STADTMACHER China – Deutschland, Oktober 2017

„Holzmarkt 25 ist das neue Kreativ-Projekt, auf das Berlin gewartet hat“ (bento), „Der Holzmarkt soll das Wohnzimmer der Kreativen werden“ (Berliner Morgenpost), „Berlins Hipster haben jetzt ihr eigenes Dorf“ (Bild),„Freiraum“ (Süddeutsche Zeitung): so lauteten die Überschriften zur Eröffnung des Holzmarktes in Berlin im Mai 2017. STADTMACHER China – Deutschland, Silvan Hagenbrock und Bettine Marissen, sprachen mit Benjamin Scheerbarth, Projektleiter des Eckwerk Berlin, über das Holzmarkt „Dorf“ an der Spree, seine Relevanz für China und über Deutschlands zukünftig höchstes Holzhochaus, das Eckwerk, in dem Wohnen und Arbeiten vereint werden sollen.

Benjamin Scheerbarth empfängt uns im Außenbereich des Holzmarktes auf der Terrasse des Restaurants Katerschmaus an der Spree, mit Biberausstieg. Scheerbarth absolvierte seinen Master in Urban Planning in Harvard, ist Vorsitzender des ISOCARP Wissenschaft-Komitees und nun Projektleiter des Eckwerks.

Auf dem Holzmarktgelände zwischen Holzmarktstraße, Spree, Fernverkehrszügen, einer Tankstelle und der benachbarten Mercedes City wurde schon viel mit dem Stadtplanungsamt über Baurechtliches diskutiert, um Innovatives zu schaffen. Seit dem Bieterverfahren 2012 hat das Eckwerk-Entwicklungsteam zig Behördengänge hinter sich gebracht. Die GründerInnen des ehemaligen Maker-Space und Techno Clubs „Bar25“ und AktivistInnen von „Mediaspree versenken“ um Juval Dieziger erwarben zusammen mit der Schweizer Abendrot Pensionskasse das 18.600 qm große Areal als Höchstbietende mit einer Erbpacht von 75 Jahren.

Auf dem Gelände der ehemaligen „Bar25“ ist seit Mai 2017 ein städtebaulich kleinteiliger, kreativer Ort mit Ateliers, Theater, einer Bäckerei, Kindergarten, Studios, Restaurants und einem Außenraum entstanden, der öffentlich zugänglich ist. Die Holzmarkt Community hatte sich im Hinblick auf die Forderung „Spree für alle“ dazu entschieden, nur die Hälfte der Fläche zu bebauen. „Als es die Chance gab, das Land hier zu kaufen, ging es um Beträge, die von einem Gemeinschaftsprojekt wie der Bar25 oder dem KaterHolzig natürlich nicht zu tragen waren“, sagt Benjamin Scheerbarth. Es wurde eine Struktur gebraucht, die den Kreativen die Angst vor den Geldgebern nimmt und andersherum. Daraufhin wurden zwei Genossenschaften gegründet. Die Genossenschaft für urbane Kreativität (GuK) und die Holzmarkt 25 Genossenschaft, so Scheerbarth weiter. Die Entwicklung wurde durch die Genossenschaften konzipiert und finanziert. Nahezu jeder und jede kann Mitglied der Genossenschaft für urbane Kreativität werden, so lange er oder sie sich mit dem Manifest identifiziert. Jedes Mitglied hat ein Stimmrecht, egal ob es Anteile für 25.000 € kauft oder mehr. Das ist der Wert, um Stadt in einer Community mitzugestalten. Wichtig zu wissen: Als Mitglied des Vereins für das bürgerliche Engagement auf dem Holzmarkt, dem Mörchenpark e.V., kann man für 25 €/Jahr als Mitglied den öffentlichen Teil des Geländes mitgestalten, ohne Anteile an der Genossenschaft zu halten.  

Kritiker, wie Susanne Messmer von der taz, fragten sich während der Eröffnung, was aus einem Hippie, wenn er in die Jahre kommt, werde. Drei Möglichkeiten gäbe es für ihn: Er ziehe ins Eigenheim mit Carport, er bleibe im Bauwagen sitzen, oder er baue den Bauwagen zu einer Insel der Glückseligen aus, auf der es sich besser leben lasse als in den Anfangstagen. Aber liegt diese „Insel der Glückseligen“ nicht in einem Meer von monotonen Investoren-Architekturen, fragt man sich. Und Verena Meyer von der Süddeutschen schreibt in ihrem Artikel „Freiraum“, dass „alternative Freiräume wie der Holzmarkt erst recht dazu beitragen, dass alle Welt in Berlin sein oder investieren will – mit diesem Widerspruch wird man hier leben müssen“. Für STADTMACHER China – Deutschland ist es eine Chance, chinesische Delegationen aus Wuhan und Peking zum Holzmarkt zu begleiten, um Alternativen aufzuzeigen und zu fragen, inwiefern dieser Ansatz in China möglich wäre. Das Zusammenspiel in der Planung zwischen Kreativen, MacherInnen und Investoren ist noch ungewöhnlich in China. Projekte wie die P8 Community in Changsha von Daniel Zhang sind erste Anzeichen dafür, dass Bottom-Up-Ansätze auch in China Nährboden finden. Für Scheerbarth ist es in der Stadtplanung von hoher Bedeutung, dass die Menschen mit kreativen Ideen bis zum Schluss mit am Tisch sitzen und stimmberechtigt sind. Sei dies nicht der Fall, führe es dazu, dass Ideen und Kreativität verloren gingen. Er führt weiter aus, dass das Holzmarkt Projekt nicht von der Stadt Berlin abhängig gewesen sei, denn das einst städtische Grundstück wurde an den Höchstbietenden vergeben. 

Mit dem geplanten Hochhaus-Ensemble aus Holz, dem Eckwerk, einem Gründer- und Studentenzentrum, gestaltet von GRAFT und Kleihues+Kleihues, werde man die 35.000 qm bzw. 90 Nutzungseinheiten für Gewerbe und Wohnen nutzen. „Wir setzen alles daran,  temporäres Wohnen und Arbeiten planungsrechtlich zu ermöglichen“, so Scheerbarth. Komplizierter werde die Sache dadurch, dass die ProjektentwicklerInnen keine Grundrisse einreichen möchten, sondern nur Nutzungseinheiten. Warum? Bei der projektbezogenen Vermietung will man anbieten, Raum flexibel zum Wohnen und Arbeiten zusammenzulegen. Nach einer gewissen Zeit Vermietung (circa 900 Tage), sollen die Nutzungseinheiten der Eckwerk Hochhäuser umnutzbar sein. Das ist laut den Projekt-entwicklerInnen ihre Interpretation eines nachhaltigen Gebäudes, welches man verschieden bespielen kann. Planungsrechtlich sei das flexible Nutzungskonzept eine Herausforderung, weil das Amt normalerweise Grundrisse daraufhin prüfen müsse, ob zum Beispiel genügend Lichteinfall vorhanden ist, so Scheerbarth weiter. „Das Amt möchte Nutzungen zuweisen, das Eckwerk deren Möglichkeit nachweisen“, sagt Scheerbarth abschließend. Für das Stadtplanungsamt in Berlin stellt die Herangehensweise des Eckwerks eine große Herausforderung dar. Bei Investoren- und Großprojekten legen Entwickler die Pläne den öffentlichen Entscheidungsträgern genauso vor, wie es den Vorgaben entspricht. Nun liegen große Hoffnungen in den zahlreichen Behördengängen, um alternative Lösungen zum Beispiel in Sachen Lärm- und Brandschutz zu finden und zu kommunizieren.

Das Eckwerk ist somit auch ein Innovator mit dem Anspruch, das Baurecht zu reformieren, neue Denkweisen der Stadtentwicklung anzustoßen und Stadt alternativ zu gestalten. Ist das nicht ein Ansatz, den es zu unterstützen gilt? Abschließend stellte sich Scheerbarth, der auch schon in China gearbeitet hat, in Zusammenarbeit mit STADTMACHER China – Deutschland ein kleines internationales Festival vor, auf dem Bürger, Entwickler und Vertreter der Öffentlichkeit zusammenkommen, diskutieren und Stadt machen.