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Gedanken zum chinesischen Urbanismus

Interview mit ZHANG Zhen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehr- und Forschungsgebiet Architekturtheorie an der RWTH Aachen, Februar 2018

ZHANG Zhen ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehr- und Forschungsgebiet Architekturtheorie an der RWTH Aachen: Sie studierte in Shanghai und an der RWTH Aachen Architektur. 2015-2017 war sie freie Mitarbeiterin bei der Zeitschrift ARCH+ und Projektleiterin für das Projekt “Planetary Urbanism”. Seit Januar 2018 ist Zhen Teil des STADTMACHER-Kernteams. 
 
1. Chinesischer Urbanismus heißt für dich...?
 
Beschleunigung des Lebens in verschiedenen Bereichen; eine Mischung von diversen Interessen, Weltanschauungen, Verständnissen, Urteilen. Schicksalsprägend für mindestens drei Generationen gleichzeitig in verschiedene Richtungen; als Folge aktuelle und potentielle Konflikte der wirtschaftlichen Interessen, kulturellen Ansprüche und alltäglichen Lebens- und Naturbedürfnisse der Menschen. Als Vorteil natürlich eine deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen und des Komforts, sowie des Gesundheits- und Bildungsniveaus als Folge der Modernisierungsprozesse, wie Europa es mit der Industrialisierung auch erlebt hat. 
 
Allerdings sind die räumlichen Veränderungen viel rasanter und geschehen in viel größerem Umfang. Viele Leute leben gerade in einer Euphorie vom Konsum und Luxus. Für andere bedeutet die Urbanisierung hässliche, laute, schmutzige Orte. Und gleichzeitig leiden noch viele Menschen unter einem niedrigen Lebensniveau. Aber man muss auch sehen, dass es viele Leute mit Sympathie, guten Ideen und Tatendrang gibt, die bereit sind, die Städte auf der Mikro-Ebene zu verbessern. 
 
Kurz gesagt: schnell, divers, vital, groß und noch unbestimmt. Die Kehrseiten des Wirtschaftswunders, Umweltprobleme u.a., kommen zum Vorschein. Ich glaube, in der nächsten Phase heißt es, mehr Gerechtigkeit zu schaffen, die Städte mit mehr Schönheit und Lebensqualität zu gestalten, und Leben (mit und ohne Kommerz) in Städten entfalten zu lassen. 
 
2. Du bist Mitarbeiterin des Lehr- und Forschungsgebiets Architekturtheorie an der RWTH Aachen. Woran und mit welchen Methoden forscht du gerade bzw. was lehrst du?
 
Theorie bedeutet für mich weder die Wissenschaft als Selbstzweck noch das Intellektualisieren mit reiner Vernunft. Bei der Architekturtheorie steht immer die menschliche Erfahrung sowohl im physischen als auch im symbolischen Sinn im Fokus. Theoriefragen sind für mich Verständnisfragen und zugleich auch ethische Fragen. Theorie ist ein Wegweiser, eingebunden in den jeweiligen Zeitgeist stellt sie Fragen und versucht, das richtige Maß zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Anforderungen zu finden. 
 
Architektur und Stadt sind für die unmittelbare alltägliche Lebensqualität der Menschen verantwortlich – grundsätzlich heißt das, einerseits Ungerechtigkeit und Ausgrenzung zu vermindern und andererseits Lebenskunst und Schönheit entsprechend den Anforderungen der Zeit zu schaffen – das sind für mich die beiden Herausforderungen unserer Zeit und akute Gegenstände der Forschung und Planung für Architektur und Stadt. 
 
In unserem Entwurfsprojekt in diesem Semester beschäftigen wir uns gerade mit Themen und Potentialen einer kleinen Stadt: Stadt und Land nicht als Kontra-Punkte, sondern als ein Kontinuum zu sehen, vermeintlich Bekanntes, Konflikte und Merkmale der kleinen Städte in Anlehnung an die Praxis der Spaziergangswissenschaft und anderer Formen der Ortsanalyse zu entdecken und offenzulegen, und hoffentlich zukunftsorientierten Entwicklungsmodi eine Chance zu geben. 
 
3. Was sind aktuelle Fragestellungen deutscher Studierender zu China und chinesischer Studierender zu Deutschland? 
 
China mit seiner fortschreitenden wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung hat ein großes Potential. Mit den Entwicklungen der Umwelttechnik, intelligenter Technologien, wie z.B. dem selbstfahrenden Auto, sowie digitalisierter Bauproduktion wird China die Zukunft der Welt in den nächsten 50 Jahren beeinflussen. Das sind teilweise globale Chancen und Herausforderungen, bei denen international kooperiert und gemeinsame Strategien gefunden werden sollten. Außer technologischen Aspekten sind aber insbesondere auch kulturelle und soziale Aspekte für beide Seiten interessant. 
 
Ganz konkret gibt es in beiden Ländern Themen, Herausforderungen und Entwicklungschancen für das Land und für kleine und große Städte. Insbesondere Vergleichsstudien ausgewählter Städte mit vergleichbaren topografischen Bedingungen, historischen Entwicklungen oder landwirtschaftlichen/industriellen/post-industriellen Schwerpunkten liefern interessante und konstruktive Ergebnisse. Auch Vergleichsstudien über Strukturen und Erfahrungen von Partizipation und Institutionen sind für beide Seiten wertvoll. Ich bin der Meinung, dass tieferer und offener kultureller Austausch und Verständnis nach Dekaden von vor allem wirtschaftlichem und technologischem Austausch notwendig ist – auch wenn es viel schwieriger ist und nicht unbedingt einen Konsens garantiert; aber dieser Aufklärungsprozess ist nicht nur erfahrungsreich, sondern auch der einzige Weg, die Pluralität der bereits vernetzten modernen globalen Gesellschaft trotz der Unterschiede zusammenzuhalten. Im Allgemeinen sind mehr Offenheit und aktives Handeln im interkulturellen Austausch und gegenwärtigen Verständnis der Kulturpolitik gefragt. 
 
4. Als Kuratorin von "PLANETARY URBANISM + LEARNING CITY GELSENKIRCHEN" hast Du die Ausstellung im M:AI – Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW Gelsenkirchen im November 2017 mitgestaltet. Ziel war es, globale Fragen mit konkreten Tendenzen der Entwicklung einer Stadt in NRW zusammenzuführen. Was könnte eine vergleichbare chinesische Stadt davon lernen?
 
Die Themenbereiche der Ausstellung – Globalisierung, die vernetzte Stadt, Organisation des Zusammenlebens, Selbstorganisation als Überlebensstrategie, städtischer Stoffwechsel und Migration – betreffen große und kleine Städte auf der ganzen Welt und sie sind für rasant wachsende Städte in China besonders relevant. Die Ausstellung zeigt, welche Rahmenbedingungen es für unser heutiges städtisches Leben gibt, wie und wo sie variieren, wie und wo sie vorbildlich bzw. vergleichbar sind, welche Strategien es geben könnte. Es geht vor allem auch darum, die Fragestellungen zu entwickeln und auf relevante Themen aufmerksam zu machen. Natürlich sind die Situationen von Ort zu Ort unterschiedlich, aber die Methoden und Herangehensweisen, Entdeckergeist und Wissen können erlernt werden. Globale Fragen finden Antworten an diversen Orten, und jedes große Thema besteht aus vielen kleinen Facetten. Und letztendlich interessiert sich ja jeder, auch wenn man nicht politisch engagiert ist, für Fragen wie: woher kommt mein Frühstück, was bedeutet meine Online-Bestellung?
 
5. Wie ist Deine Einschätzung zu STADTMACHER China – Deutschland als Impulsgeberin für städtische Transformation und soziale Innovation?
 
Kultur, Planung, und Unternehmer*innen zusammenzubringen ist in meinen Augen der größte Vorteil von STADTMACHER China – Deutschland. Das Programm schafft eine Plattform, auf der verschiedene Informationen, Kontaktpersonen, Projektideen und Lösungen aufeinander treffen, und dies ergibt ein Potenzial, neue Synthesen zu schaffen. Als Kenner der städtischen Rahmenbedingungen und Situationen von beiden Seiten kann STADTMACHER als Wegweiser fungieren, wertvolle Hintergrundstudien sowohl zur Struktur der Politik und Institutionen als auch zur kulturellen Analyse und Einführung zu geben. Ausgewählte Themen und ausgewählte Städte zu analysieren und zu vergleichen bietet weitere Möglichkeiten, Kooperationsprojekte zu realisieren. Es besteht das Potenzial, tiefere Studien mit Universitäten in Deutschland und China über ein bestimmtes Thema oder zwei ausgewählte Städte zu erarbeiten, wissenschaftliche Visionen zu schaffen und als nächster Schritt mit wirtschaftlichen technologischen Möglichkeiten zu verbinden.
 
6. Deine drei Buch-, Literatur- oder Website-Empfehlungen rund um unser Thema? Eine Veranstaltungsempfehlung für Stadtmacher in 2018? Was sollten wir nicht verpassen…?
 
Meine Buchempfehlung: „Planetary Urbanism: The Transformative Power of Cities” von Sabine Kraft, Zhen ZHANG, und Aichinger, Anna (ed.) (2016):. ARCH+ Verlag.
 
Außerdem: WBGU (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten. Berlin.
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ZHANG Zhen
 
Als Kuratorin der Ausstellung “Planetary Urbanism – the Transformative Power of Cities” im Deutschen Pavillon hat sie an der UN-Habitat III Konferenz in Quito, Ecuador, teilgenommen. Für ihrer Masterarbeit „Isle of Islay – Nature Observatory – Remembrance of a Forgotten Treaty between Man and Nature“ hat sie die besondere Auszeichnung zum BDA-SARP-Award erhalten und wurde für den Euregional Preis (EAP) nominiert. 2011-2013 war sie als Architektin bei von Gerkan, Marg und Partner Shanghai tätig. Als Architektin und internationale Projektkoordinatorin hat sie das Deutsch-Chinesisches Haus auf der Weltausstellung 2010 in Shanghai mitrealisiert.
 
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