Was passiert konkret?

Jahre verfliegen

Shi Ming, Januar 2019

Jahre verfliegen. Mit ihnen oft Erinnerungen. Und mit Erinnerungsschwund bisweilen jenes Gefühl, das einen an seine Heimat bindet, etwa mich an meine Heimatstadt Beijing. Mein Gedächtnis arbeitet makellos. Noch. Nur die Gegenstände, an die meine Erinnerungen gebunden sind, verschwinden. Immer schneller und totaler: Die engen Gassen, Hutongs genannt, etwa. Die Meisten sind abgerissen. Ein Teil der übrigen sind mit Fake-Restaurationen zum Kitsch degradiert. An manchen Türen hängen heute sarkastische Transparente des Protests: „Wir sind keine Affen im Käfig. Gaffer unerwünscht“
 
Verschwunden sind auch die Garküchen. Wegen der Luftverschmutzung. Morgens, wenn ich daheim bin, hole ich mir heute bei Starbucks ein Croissant anstelle einer Dampfnudel von der Bude nebenan.
 
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Imposant sind die Stahl-Glas-Konstruktionen, die meine Heimatstadt heute bewäldern, allemal. Viel mehr Wohlstand genießen meine Landsleute dort schon eine ganze Weile. Doch nur um mich gegen den Ruf des nostalgischen Nörglers zu wehren, will ich mich Huldigern morgiger, scheinbar für ewig fortwährender „Fortschritte“ in Form von Hochhaustürmen und Blechkolonnen, die täglich zehn Stunden und mehr auf Betonstraßen mehr stehen als fahren, nicht anschließen. Weniger, weil ich auf Umweltschäden und die auseinander klaffende Lücke zwischen Arm und Reich, White- und Blue-Collar hinweisen könnte. Der Hauptgrund für mich liegt woanders. Er liegt mir auf der Zunge.
 
Jene Zunge kannte man in meiner jetzigen Wahlheimat Berlin einst ja auch: die Berliner Schnauze, die sarkastisch, auf ersten Anschein mürrisch, im Kern oft so entlarvend Menschen aus der Seele spricht. Ach meine Beijinger Zunge! Gerne denke ich an diese alte überlieferte Episode: Ein Rebell sorgte für Aufsehen, als ihm um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf dem Schafott ein Bein abgehackt wurde. „Erschreckt nicht, seht her, was für ein wunderbares Stück Schinken!", rief er den Schaulustigen hinterher. So eine Zunge, ähnlich wie die Berliner Schnauze, ist gewiss nicht jedermanns Geschmack. Aber man findet sie heute noch: Ist der Preis im Restaurant zu hoch, schreibt ein junger Beijinger auf WeChat „Ach, mein Herz blutet, Tropfen um Tropfen." Das Foto, das er beifügt, zeigt allerdings, wie er gerade leidenschaftlich ein Stück köstlich geschmortes, blutrot gefärbtes Fleisch verspeist.
 
Im Sommer 2012 suchte ein Wolkenbruch Beijing heim. Binnen zweier Stunden standen alle Straßen unter Wasser und alle U-Bahnen waren bedroht. Binnen 20 Minuten erschien auf unzähligen Smartphones in Beijing ein Witz, der eine Stationsansage nachahmte: „Liebe Fahrgäste, der nächste Halt ist Jishuitan (wo sich das Wasser sammelt)". Binnen weniger als einer Minute antwortete darauf eine andere „Stationsansage": „Liebe Fahrgäste, für Schwimmer unter Euch ist der nächste Halt Shuilifang (das Olympia-Schwimmstadion). Für Nichtschwimmer ist der nächste Halt Babaoshan" (ein Pekinger Friedhof). Nicht, dass es derart sarkastischen, bisweilen fatalistischen Humor nicht auch woanders gibt, aber dennoch: Die Beijinger Zunge und Berliner Schnauze liefern immer noch ein Modell zum Nachahmen. Der Sachse Erich Kästner wurde unter anderem durch seine verfilmten Erzählungen wie „Die drei Männer im Schnee", in denen eifrig berlinert wurde. Kulturhistorisch nachgewiesen liefert die Beijinger Zunge die Grundlage für die einzige Bühnenkomikkunst in ganz China – den Xiangsheng. Ich bin dankbar für das Geschenk, das mir aus meiner Heimatstadt zuteil wurde. Nicht bloß eine Art zu sprechen, sondern auch eine urbane Lebenshaltung: Gerade wenn es hart wird, gerade wenn das Leben einem wehzutun beginnt, fängt dein Mut an, wenn du die bedrückendste Realität beim Namen nennst, unverhüllt bis unerschrocken.
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Shi Ming ist freier Journalist, und lebt seit 1987 in Deutschland, seit 5 Jahren in Berlin. Er ist 1957 in Peking geboren, studierte Germanistik und Jura in Peking und arbeitete als Journalist und als Jurist. Er veröffentlicht regelmässig auf Deutsch für ARD, ZDF, Deutschlandfunk sowie für renommierte deutsche Printmedien. Auch berät er insbesondere deutsche Kommunen in Ihrer Zusammenarbeit mit China und nimmt an deutsch-chinesischen Urbanisierungsdialogen teil.

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