Wohin des Weges?

Oh Du (un)gesunde Stadt!

Von Silvan Hagenbrock und Jeanne Schmidt, April 2019

Schnell noch die U-Bahn bekommen. Also renne ich über die Hauptstraße, die Treppen herunter und kurz vor mir auf dem Bahnsteig knallt die Tür mit einem ohrenbetäubenden Geräusch zu. Zehn Minuten warten. Mit dem Fahrrad zur Arbeit, zwischen Autos und klingelnden Straßenbahnen kurven und über die rote Ampel fahren. 70€ Verwaltungsstrafe. Die Stadt macht uns wach, aktiv, aggressiv. Das Herz rast mit der Geschwindigkeit der Großstadt. Was ist denn nun eine gesunde Stadt? Kann man überhaupt von einem gesunden Leben in der Stadt sprechen, in der wir tagtäglich von lärmenden Vehikeln und deren Gestank umgeben sind? 

„Das Risiko, als Erwachsener an einer Depression zu erkranken, sei für Menschen, die in der Großstadt wohnen, um etwa 30 bis 40 Prozent höher."

Der Soziologe und Philosoph Georg Simmel sprach 1903 in seinem Aufsatz Die Großstädte und das Geistesleben von einer Vergewaltigung der einen durch die vielen, sobald man am Londoner Piccadilly Circus die Straße überquere. Und die Stadttheoretiker:innen und Stressforscher:innen nennen die Stadt als etwas, das krank macht. 

Das Risiko, als Erwachsener an einer Depression zu erkranken, sei für Menschen, die in der Großstadt wohnen, um etwa 30 bis 40 Prozent höher, und für in einer Großstadt aufgewachsene Kinder sei das Schizophrenie-Risiko sogar zwei- bis drei Mal höher als für ihre Altersgenossen auf dem Land. Und es gebe Daten, die zeigen, dass Gewaltverbrechen in Städten deutlich häufiger vorkommen als auf dem Land (Fn.1), so der Psychiater und Psychotherapeut Mazda Adli. Aber nun direkt den Koffer zu packen und in den leerstehenden Gutshof in Brandenburg zu ziehen, geht eng mit einer romantisierenden Vorstellung des ländlichen Raumes einher und hat wenig mit den dort konfrontierten Realitäten zu tun, wie es Juli Zeh in Unterleuten verdeutlichte. 

Wie wäre es denn, wenn man die Ursache der Krankheit aufspürt und die Stadt selbst erkundet? Wie wäre es denn, den Gerüchen und Gerüchten nachzugehen und die Nachbar:innen kennenzulernen? Wie wäre es, sich der Stadt zu stellen und sie zu erforschen, ihr ein Gesicht zu geben? Für mich ist die gesunde Stadt so etwas wie eine Riesin. Ein lächelndes Wesen, welches den Autos vor den Stadttoren den Weg versperrt, die Dächer der häuslichen Gewalt aufdeckt, sexistische Werbung abreißt und eine Mixtur an Düften ausatmet, die die Städter:innen ganz verrückt macht nach dem Urbanen und Ländlichen. Mithilfe dieses Konzeptes des Gesicht-Gebens stellen sich zumindest die Stadtpsychiater:innen ein Konzept der gesunden Stadt vor und beraten so Betroffene.

Inwiefern eine Stadt auch die seelische und psychische Gesundheit gefährden kann, zeigen die Werbeflächen, die Rollenbilder tradieren und Frauen abwerten. Die Stadt mit ihrer Werbung, die Stereotypen befördert, verfestigt daher unsere Prägungen. Es trägt beispielsweise dazu bei, dass Männer weiterhin denken, dass sie nicht über ihre Gefühle reden dürfen. Unter dem Hashtag MÄNNERTAGE buhlte der Elektronikmarkt Media Markt um Aufmerksamkeit, indem er den Schauspieler Jürgen Vogel zitierte: "Männer haben auch Gefühle: Ich habe das Gefühl, ich brauch 'ne Playstation." (Fn.2) Das Konzept der Gesunden Stadt sollte für dieses Thema sensibilisieren und eine Möglichkeit aufzeigen, wie man gegen sexistische Werbung vorgehen kann.

Mit Hilfe eines Online-Beschwerdeformulars des Deutschen oder Österreichischen Werberats kann man bereits mit wenig Aufwand sexistische Werbung melden.  

Mit Hilfe eines Online-Beschwerdeformulars des Deutschen oder Österreichischen Werberats kann man bereits mit wenig Aufwand sexistische Werbung melden. Nachdem ich eine Werbemaßnahme einer privaten Interessensgemeinschaft der Immobilienwirtschaft beanstandete, wurde diese nach einer Kontaktaufnahme des Werberates bereits nach wenigen Tagen von dem Unternehmen zurückgezogen. Die Werbung zeigte einen halbnackten Oberkörper einer Frau neben der Überschrift: "Meine Wohlfühlzone. Nur privat", um die Dienstleistungen der Immobilienwirtschaft auf dem Wohnungsmarkt anzupreisen. 

Die Initiative Werbemelder*in des gemeinnützigen Vereins von Pinkstinks ist ebenfalls erfolgreich darin, sexistische Werbeanzeigen Dritter auf ihrer Webseite und den Sozialen Medien anzuprangern. Pinkstinks ist eine junge Protestorganisation, die sich gegen Sexismus engagiert und gemeinsam mit ihrer Community eine Landkarte sexistischer Werbung aufbaut. Sie wollen damit aufzeigen, wo in Deutschland das Problem verortet ist, wie es sich verbreitet und was man dagegen tun kann. (Fn.3) Und in Leipzig wurde von verschiedenen Abteilungen gemeinsam mit dem Beirat für Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Leipzig ein Kriterienkatalog zu sexistischer Werbung erarbeitet und ist ein wichtiger Schritt zu einer gesunden Stadt. Denn die Stereotypisierung von Geschlechterbildern, die Objektifizierung und Abwertung von Frauen durch Werbung im öffentlichen Raum, kann die Hemmschwelle der Gewalt an Frauen senken. Dazu kommt die erschreckende Nachricht von Heide Oestreich, die in ihrem Artikel der taz Frauenmorde in Deutschland - Es nennt sich Femizid von einer Bundesregierung spricht, die offensichtlich nicht über genug Informationen über Gewalt an Frauen verfügt. „Es gibt lediglich seit 2015 das jährliche Lagebild des BKA zu Partnerschaftsgewalt. Die Mordmotive werden darin jedoch nicht erfasst. Und über die 227 außerhalb von Beziehungen getöteten Frauen ist erst recht nichts bekannt." (Fn.4) , so Oestreich in ihrem Artikel. 

Die Tatsache, dass wir häufig durch Werbung tradierte Geschlechteridentitäten vermittelt bekommen und gerade Männer von Beginn an den Satz "Jungen weinen nicht" hören, trägt weitere negative Konsequenzen mit sich. So schreibt der SWR, dass sich jedes Jahr in Deutschland über 10.000 Personen das Leben nehmen, und dass die Dunkelziffer circa 25 Prozent höher liege. Allein in Deutschland bringen sich in allen Altersklassen dreimal so viele Männer um, wie Frauen. (Fn.5) Depressionen sind behandelbar. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe unterstützt Betroffene und rät zur ärztlichen Behandlung. Eine Priorität der Gesunden Stadt kann also sein, Männer durch Werbekampagnen dazu zubringen, über ihre Gefühle zu reden und sich zum Beispiel mal beim Hausarzt behandeln zu lassen. Der britische VICE-Journalist und Autor Jack Urwin nahm den Tod durch Herzinfarkt seines Vaters zum Anlass, den Essayband Boys don't Cry (erschienen im Nautilus-Verlag) zu veröffentlichen. Urwin's Vater konsultierte nie einen Arzt, der ihm hätte helfen können, sodass Urwin das Verschweigen von Problemen auf eine "toxische Männlichkeit" zurückführt, indem "Stärke", "Gewalt" und "Mut" das Fundament des Lebens eines Mannes sind. (Fn.6) Das Konzept der Gesunden Stadt könnte doch demnach zum Ziel haben, die Männlichkeit zu "entgiften".

Ein Netzwerk, das sich künftig gezielt mit strukturellen gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzen könnte, wäre das Gesunde-Städte-Netzwerk. Das Netzwerk ist eine globale Bewegung, das von der Weltgesundheitsorganisation in den 1980er initiiert wurde und das die Themen Gesundheit und Gesundheitsförderung in den Stadtverwaltungen des Städtebaus, Verkehrs und der Bildung stärken möchte. (Fn7) Denn solange uns eine "toxische Männlichkeit" und tradierte Rollenbilder in den Städten begegnen, leben wir in einer ungesunden Stadt. In dieser Stadt existieren mentale Stadtpläne, die für den einen sichere Heimwege darstellen und für die andere nicht. 

Autor:innen

Silvan Hagenbrock ist freier Redakteur bei STADTMACHER China – Deutschland. 

Jeanne Schmidt ist seit ihrem »kulturweit« kulturpolitischen Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission und des Auswärtigen Amtes in China, an Fragen der Urbanisierung und des Feminismus interessiert. Sie ist Mitgründerin des feministischen Kollektivs Das Erotik Magazin Leipzig und beschäftigt sich mit tradierten Rollenbildern und dem weiblichen Blick auf Erotik.

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