Wer ist unterwegs?

Lehderstraße – Ort des Wohnens, Arbeitens und Kunstmachens

Interview mit Jonas Burgert von Kika Yang und Maja Linnemann, Juli 2019

Die Lehderstraße ist eine Mischung aus Wohnbauten (Nordseite) und eingeschossigen Gewerbehöfen, die vielfach unter Denkmalschutz stehen. Hier siedelten sich Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Gewerbe an. In der Lehderstraße 16-19 entstand zum Beispiel 1898 die Ruthenbergsche Goldleistenfabrik mit 180 Angestellten, die bis 1908 auf 22 Höfen ausgebaut wurde. In der Folge kamen immer mehr kleinere Gewerbetreibende her, die damals – ähnlich wie auch heute – aus sich verteuernden Innenstadtbereichen umzogen. Die Bebauung mit Wohngebäuden folgte etwas später in den 1920ern. 2019, also über hundert Jahre später sitzen hier wieder zahlreiche Werkstätten, Kreative, Künstler, zum Beispiel im Steinmetzhof, aber auch mehrere Autoreparaturwerkstätten. Die Straßenränder sind von Bäumen gesäumt. In der Nummer 34-35 produzierte bis 1990 der „VEB Isolierstoff- und Kondensatorenwerk Berlin-Weißensee“, der aus der 1906/1907 gegründeten „Ersten Glimmer-Waren-Fabrik in Berlin“ hervorgegangen war. Heute gehört das 6000 Quadratmeter große Areal dem bekannten Künstler Jonas Burgert.

Jonas Burgert wurde 1969 in West-Berlin geboren. Eigentlich wollte er Berlin nach der Schulzeit verlassen, um etwas ganz anderes zu sehen, als im November 1989 die Mauer fiel und die Situation in der Stadt zu spannend war, um wegzugehen. So studierte er Kunst an der Hochschule der Künste (heute Universität der Künste UDK) und blieb. Vor 14 Jahren zog er vom hippen Prenzlauer Berg nach Weißensee. Einen Teil seines Geländes hat er an andere Kunstschaffende vermietet. Alle paar Jahre macht er dort eine große, nicht-kommerzielle Ausstellung, zuletzt im Rahmen des Berlin Gallery Weekend 2018.

Kika Yang, Maja Linnemann und Wu Yimeng vom Redaktionsteam STADTMACHER China – Deutschland haben den Künstler im Juli 2019 in seinem Atelier besucht. Während die Grafikdesignerin Wu Yimeng das Atelier zeichnerisch erfasste, sprach Jonas Burgert über seine Wahrnehmung von Weißensee und seine künstlerische Entwicklung. Auch wenn er eher aus der Not heraus nach Weißensee kam, so schätzt er doch heute die ausgewogene Mischung an Alteingesessenen, an spezialisierten Handwerkern und Produzenten sowie neuen Ideen, die hier noch Platz zum Wachsen haben. 

Über Jonas Burgert

Jonas Burgert wurde 1969 in West-Berlin geboren. Nach dem Abitur studierte er Kunst an der Hochschule der Künste (heute Universität der Künste UDK). Vor 14 Jahren zog er vom hippen Prenzlauer Berg nach Weißensee. Er gilt als einer der erfolgreichsten Künstler Deutschlands.

Kontakt:

Beginnen wir mit Weißensee – wie sind Sie hierher gekommen?

Bis vor 15 Jahren hatte ich ein Atelier im Prenzlauer Berg in einer alten Brauerei. Das wurde irgendwann verkauft und ich musste mir etwas Neues suchen. Von Weißensee wusste ich nichts, dachte aber, ich schaue mal nicht dort, wo alle suchen. Außerdem wollte ich etwas Ruhiges finden, wo ich mich auf meine Arbeit konzentrieren konnte. So zog ich nach Weißensee, wo ich mehrmals umziehen musste. Das Grundstück, auf dem wir jetzt sind, hatte ich schon länger im Blick, und als ich dann anfing, mit meinen Bildern Geld zu verdienen, habe ich zugeschlagen, um endlich einen sicheren Ort zu haben. Meine Bilder sind ja sehr groß, ich brauche viel Platz dafür. Das Gelände hatte zwanzig Jahre leer gestanden, es hat etwa 6000 Quadratmeter, und ich habe es dann nach und nach renoviert.

Neben meinem eigenen Atelier sind sechs Werkstätten entstanden, die ich an andere Kunstschaffende vermiete, und es gibt ein Atelier und eine Gästewohnung für ein, zwei Personen für kürzere Aufenthalte. Die Mieten sind günstig, damit die Kunstschaffenden hier arbeiten können ohne sich ständig um ihre Existenz sorgen zu müssen. Wer da kommt, ergibt sich eher zufällig, und ich will auch keine Arbeit damit haben. Für das ganze Gelände gibt es eine Hausverwaltung, die sich um alles kümmert.

Wie finden Sie Weißensee als Kiez? Spüren Sie Veränderungen?

Was ich toll finde, sind die vielen kleinen Gewerke in den Höfen hier. Den Ausbau von meinem Atelier haben zum großen Teil Handwerker aus der Nachbarschaft gemacht, die Metalltreppen, die Küche und so weiter. Diese kleinen Firmen sind besonders geeignet, Spezialaufträge zu übernehmen, mit Standardanfertigungen könnten die auch gar nicht überleben. Es gibt hier auch viele Firmen, die für Film und Theater bauen, die sind auch nicht ersetzbar. Das ist eine einzigartige Atmosphäre. Zum Glück stehen die Höfe unter Denkmalschutz, das wird auch so bleiben. Mein Bruder hat nebenan ebenfalls in der Lehderstraße seine Firma „Modellbau Milde“, wo er Architekturmodelle und Modelle für Museen herstellt.

Und dann gibt es hier im Kiez noch einen „Kultladen“, den Boxtempel, so eine Art von „Herz“ des Kiezes, das ist wieder ein ganz anderes Publikum. Aber es entsteht in den letzten Jahren auch schönes Neues, wie das Restaurant Babushka, wo wir mittags oft essen.

Auch in Kreuzberg gab es früher viele Werkstätten in den Gebäuden. Berlin hatte immer eine gute Mischung von Wohnen und Arbeiten, aber da sind in den letzten Jahren viele zu Lofts umgebaut worden und das Handwerk wurde verdrängt.

Wie haben Sie Ihren künstlerischen Schwerpunkt gefunden?

Eigentlich geht es immer um die Basisfragen der Menschen, die Suche nach der geistigen Repräsentanz; weil man als Mensch nie zufrieden mit sich ist, will man sich immer in einen größeren Sinn einbetten. Damit habe ich mich viel beschäftigt, auf Reisen und durch Bücher; wie viele Religionen wir erfunden haben, wie wir immer wieder aufbauen und zerstören. Die Bildende Kunst bietet eine Sprache dafür. Ich wollte diese Dinge mit einer emotionalen, empfundenen Sprache bearbeiten, nicht mit einer praktischen.

Es geht mir dabei nicht um Dogmen, ich bin selber nicht religiös und lasse mich überhaupt nicht gerne einordnen, aber wir als Menschen haben doch alle ähnliche Bedürfnisse. Und diese Gefühle kann ich in eine Skulptur packen und 5000 Jahre später empfinden die Betrachtenden etwas Ähnliches.

Wenn ich mich in der Kunst ausdrücke, muss ich einen Teil meiner Privatheit aufgeben, ich muss sehr persönlich sein, damit es authentisch und glaubhaft wird, und gleichzeitig symbolisch, um für andere Menschen nachvollziehbar zu werden. Das ist ein schwieriger Spagat, eine der großen Herausforderungen für einen Künstler.

Ihr Erfolg kam ja, als Sie aufhörten, abstrakt zu malen und konkreter wurden.

Ja, es gab einen Umbruch, etwa 2004. Am Anfang habe ich sehr ungegenständlich gearbeitet, merkte aber irgendwie, dass ich dadurch viel verhindere. Als ich konkret wurde, war es ein Risiko, aber auch eine Befreiung, als ich merkte: Ich kann alles malen! Nach meinem Gefühl hat das viel Mut gebraucht. Dass das erfolgreich war, darauf hatte ich ja keinen Einfluss, aber scheinbar funktioniert so die Kommunikation mit den Betrachtern besser.

Muss man eigentlich studieren, um gute Kunst zu machen?

Das kann man so und so sehen. Im Studium fand ich eigentlich am produktivsten und spannendsten den Austausch mit den anderen meiner Generation. Uns bewegten ja ähnliche Dinge, und man konnte schauen, was macht der oder die daraus, funktioniert das und wenn nicht warum. Wenn ich unterrichte, sage ich meinen Studenten vor allem, dass sie zueinander ehrlich sein sollen und Kritik nicht übel nehmen dürfen. Diese Auseinandersetzung bringt sie wirklich weiter.

Wieviel Wert sollte auf die Vermittlung von Techniken gelegt werden? In deutschen Kunsthochschulen spielt das heute keine große Rolle mehr, oder?

Das ist auch wieder sehr ambivalent. Hunderte Jahre lang ging es ja in den Universitäten nur um Technik, bis es Ende des 19. Jahrhunderts einen Umbruch gab. Gute Technik ist aber schon wichtig und manchmal wird das an deutschen Hochschulen zu wenig vermittelt. In den Ländern, wo viel Wert auf Technik gelegt wird, gibt es hingegen oft wenig gute Künstler.

Das Problem ist, dass es immer Trends gibt – als ich studiert habe, hat man an der Uni gar nichts mehr gelernt. Technik musste man sich selbst beibringen. Stattdessen gab es einen hochgeistigen Diskurs, und der war wichtig! Es wurde viel hinterfragt und man musste genau formulieren, reflektieren und darüber nachdenken, was man wirklich wollte, um aus dem ursprünglichen Nebel des „Etwas machen Wollens“ herauszufinden und zu Konsequenz zu gelangen. Diesen langen geistigen Prozess durchzuhalten, schaffen letztlich nur wenige, würde ich sagen.

Also wenn ich einen Lehrplan machen würde, würde ich ganz Gegensätzliches anbieten – ganz akademisch Techniken lernen und zwei Stunden später verrückt denken üben. Diese Mischung wäre gut, aber meistens gibt es Trends, entweder das eine oder das andere. Dabei ist das ganze System von Kunst eigentlich auf Widerspruch aufgebaut.

Was inspiriert Sie?

Alles. Ich könnte auch in den Hof gehen, und mich von einem Grashalm inspirieren lassen. Man muss nur empfindsam genug sein. Also ich brauche keine außergewöhnlichen Orte, um mich inspirieren zu lassen, manchmal ist es jemand, der schief auf einer Bank sitzt, der bei mir was auslöst.

Wie ist Ihr Verhältnis von lokal zu global?

Ich lebe und wohne hier zusammen mit meiner Frau, die auch Künstlerin ist, und unserem Kind zusammen. Ich bin früher viel gereist, aber nun geht das nicht mehr, denn ich brauche meine Zeit, um meine Bilder hier zu malen und ich kann mich ja nicht teilen. Meine Bilder werden zu 80 Prozent ins Ausland verkauft, aber mit dem Geschäftlichen habe ich nicht viel zu tun.

Gibt es eine Beziehung zu China?

Ende August fliege ich nach Hong Kong, wo ich eine Ausstellung habe. Das ist das erste Mal. In China war ich noch nicht. Aber ich freue mich, denn in Asien waren ja die ältesten Hochkulturen.

Unser STADTMACHER-Programm geht immer wieder der Frage nach „Was bedeutet ‘lebenswerte Stadt’ für Menschen in unterschiedlichen Kontexten und Kulturen”: Was bedeutet lebenswerter Raum oder lebenswerte Stadt für Dich?

Für mich bedeutet es, dass Mischverhältnisse und Freiheit bestehen bleiben.

Wie könnte Ihnen eine Plattform wie STADTMACHER China – Deutschland nützlich sein?

Bei der Vernetzung helfen, zeigen, wer im Kiez / in der Nachbarschaft aktiv ist und was macht. Bisher erfährt man es immer nur zufällig. Aufpassen muss man, dass man sich nicht nur auf bestimmte „Szenen“ konzentriert, sondern alle Bewohner und Bewohnerinnen und unterschiedlichen sozialen Gruppen mitnimmt. Nicht nur die „Hippen“ und „Kreativen“. Das ist nicht einfach.

Das Interview führten Kika Yang und Maja Linnemann.

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